Hörproben psychologischer Radiobeiträge (2)
aus den Jahren 2022 bis 2026
Macht Kaffee aus weißen Tassen wacher? (MDR Jump, 2022)
Nein, das ist ein Fake. Zunächst stimmt es zwar, dass Untersuchungen einen Einfluss der Tassenfarbe auf unser Geschmacksempfinden festgestellt haben. Im Gegensatz zu blauen oder durchsichtigen Glastassen wirkt Kaffee aus einer weißen Tasse auf uns etwas intensiver im Aroma. Als Grund wird vermutet, dass wir die Farbe Braun generell mit Bitterkeit assoziieren und eine weiße Tasse durch den Kontrast zum dunkelbraunen Kaffee ein erwartetes bitteres Geschmackserlebnis besonders hervorhebt. Für den antriebsfördernden Effekt ist jedoch das Koffein entscheidender, welches den müde machenden Botenstoff Adenosin von den Nervenzellrezeptoren verdrängt. Unabhängig von Tassenfarben darf Kaffee morgens also gern der charakteristische Geruch unseres Hausstandes sein.
Leidet jeder zweite Schüler unter Prüfungsangst? (MDR Jump, 2022)
Ja, das ist ein Fakt. Vor Prüfungen besetzt fast jeden zweiten Menschen Angst. Aber es liegt keine Schande in der Furcht vor der Schlacht. Mittelgroße Prüfungsangst ist nämlich ein Programm unseres Gehirns zur Leistungssteigerung. Durch sie wird unser Wachheitsgrad erhöht und unsere Konzentration geschärft. Außerdem steigert sich unser Reaktionsvermögen. Wenn sich vor Prüfungen also Unruhe mehrt, so ist dies auch ein Zeichen dafür, dass unsere Psyche vorab Aktivierungen übt. Durch welche schwere Prüfungen wir auch gehen mögen, sollten wir uns immer gegenwärtig halten: In letzter Instanz ist jedes Individuum stark wie die Welt.
Machen Ferien dumm? (MDR Jump, 2022)
Nein, das ist ein Fake. Man könnte ja meinen, bei einer mehrwöchigen Ferienzeit würde sich quasi die Festplatte des Gehirns von selbst löschen und die Menschen würden sich dem stumpfsinnigen Vergessen zum Fraße hinwerfen. Tatsächlich findet eher eine Defragmentierung statt. Das heißt, die verstreute Speicherung von Datenblöcken wird durch die Zeit der Muße zu einem ganzheitlichen Wissensstand zusammengeführt. Einmal Gelerntes wird nicht komplett vergessen, sondern wir kommen zu einem ruhigen Ins-Auge-Fassen der Welt. Wie bei einem Jetlag dauert nach Ferienende dann die Wiedereingliederung nur wenige Tage. Es besteht also kein Grund zur Sorge: Am ruhigen Fluss ist das Ufer voller Blumen.
Weinen wir schneller im Flugzeug? (MDR Jump, 2022)
Ja, das stimmt. Zumindest legen das Untersuchungen nahe, wonach 15% der Männer und 6% der Frauen angeben, in Flugzeugen eher zu weinen als woanders, wenn sie während des Fluges emotional aufwühlende Filme schauen. Um dies zu verstehen, muss man zunächst wissen, warum wir Menschen überhaupt weinen. Entgegen landläufiger Meinung, ist Weinen nämlich gar kein Ausdruck von Trauer, sondern von Machtlosigkeit. Deshalb weinen wir auch Tränen aus Rührung. Sobald wir uns ohnmächtig gegenüber starken emotionalen Momenten fühlen, versucht der Hypothalamus im Gehirn, uns an diese Belastung anzupassen. Durch die Auslösung der Körperreaktion des Weinens soll das emotionale Gleichgewicht wieder hergestellt werden. Im Flugzeug verschärft sich nun die Situation. Sauerstoffgehalt und Luftdruck sind geringer, wir sitzen eingepfercht auf unseren Plätzen, sind hilflos den Maschinen ausgeliefert und warten auf den Absturz. Das bemutternde Verhalten der Stewardessen macht uns quasi zu Kindern, sodass wir emotionaler agieren und nach einem langen Flug unfrisch und reparaturbedürftig aussehen.
Brauchen wir zum Gesundbleiben ein Mindestmaß an Arbeit? (MDR Jump, 2022)
Ja, das ist ein Fakt. Bereits das Aussehen mancher Menschen lässt ja ihre Arbeitslast ahnen. Gleichgültig, ob wir körperlich als Bauern ackern müssen oder nur Gedankenarbeit zu verrichten haben, sind die meisten durch ihre Tätigkeiten gänzlich in Anspruch genommen. Hierbei ist der Name "Burn-Out" so suggestiv, dass er uns motiviert, daran zu leiden. Allerdings existiert auch das Gegenstück eines "Bore-Out". Studien haben nämlich gezeigt, dass wir Menschen an den gleichen depressiven Symptomen, Antriebsarmut, Schlaflosigkeit, Tinnitus, Kopfschmerzen und Infektionsanfälligkeit zu leiden beginnen, wenn wir dauerhaft unterfordert sind oder schlichtweg zu wenige Stunden arbeiten. Minimal 20 Stunden sinnvolles Tun pro Woche für das Gefühl von Selbstwirksamkeit sollten es schon sein. Wenn unser Kalender also wütige Arbeitsphasen verplant, ist dies oft gesünder als wir selbst glauben.
Benötigt man drei Wochen Urlaub für wirkliche Erholung? (MDR Jump, 2022)
Nein, das ist ein Fake. Das Leben ist das, was unsere Gedanken daraus machen. Wer glaubt, dass für ein Herunterfahren eine mehrwöchige Enthaltung von Tat und Arbeit nötig sei, wird danach trotzdem feststellen, dass die im Urlaub gesammelten Kräfte rasch wieder verzehrt sind. Stattdessen kommt es, wann immer unsere geistige Produktion auf der Kippe steht, auf kurzes intensives Loslassen nebst Perspektivwechsel an. Hierfür genügt auch ein schönes Wochenende, da die Natur uns so gebaut hat, dass wir unser Leben bewältigen können. Letztlich sind wir nämlich keine Tropfen im Ozean, sondern jeder von uns ist ein gesamter Ozean in einem Tropfen.
Lassen Sternschnuppen Wünsche wahr werden? (MDR Jump, 2022)
Mmh, naja, das ist gar nicht so abwegig wie es klingt und stimmt sogar ein bisschen. Der Homo sapiens, dessen Geist so viele Siege über Finsternis und Aberglaube eingefahren hat, ist bei der Umsetzung seiner Wünsche nämlich auf klare Ziele angewiesen. Wer imstande ist, beim Erblicken einer Sternschnuppe sofort einen konkreten Wunsch zu formulieren, hat die erste Hürde bereits genommen, weiß also längst, was er will und wirkt bewusst oder unbewusst auf Erfüllung hin. Schlechter sieht es aus bei denjenigen, die bei einer Sternschnuppe erst lange überlegen müssen, was sie sich wünschen sollen, zunächst eine Wunsch-Prioritätenliste aufstellen, diese dann vielleicht mehrfach überarbeiten, die Angelegenheit erst einmal überschlafen oder mit dem Psychologen besprechen wollen. So klappt es weder bei Sternschnuppen, noch bei vierblättrigen Kleeblättern oder gefundenen Hufeisen.
Haben Menschen mit Geschwistern bessere Chancen auf ein glückliches Leben? (MDR Jump, 2022)
Nein, das stimmt nicht. Früher glaubte man einmal, Einzelkinder seien von Hause aus egoistisch und verwöhnt, als hätte man ihnen den Kindermund immer nur mit Bonbons gestopft. Dagegen bekämen Geschwister eine höhere soziale Veranlagung mit auf den Weg und könnten deshalb auch später glücklicher kooperieren. Neuere Forschung hat aber gezeigt, dass Einzelkinder viel besser als ihr Ruf sind und sich nicht wesentlich anders verhalten als Menschen mit Geschwistern. In puncto Selbstbewusstsein lassen Einzelkinder tendenziell seltener etwas zu wünschen übrig und sind daher öfters in Führungspositionen zu finden. Letztlich wurden wir aber alle mit Flügeln geboren und sollten uns stets überlegen, wofür wir dankbar sind.
Sind Frühaufsteher glücklicher als Langschläfer? (MDR Jump, 2022)
Ja, inzwischen gibt es mehrere Studien, die belegen, dass Frühaufsteher nicht nur effizienter ihren Tag gestalten, sondern auch das Risiko von Depressionen senken. Sie sind dem natürlichen Sonnenlicht länger ausgesetzt und haben außerdem das gute Gefühl, morgens bereits etwas geleistet zu haben. Mit Seufzern erheben sich dagegen Langschläfer oft so mühsam, als hätten sie Wurzeln geschlagen und unterbrächen nun, Fäden und Erdreich mitziehend, das gerade begonnene Wachstum. Im Idealfall sollten wir also unser inneres Licht genau entgegengesetzt an- und ausschalten wie die Straßenlaterne vor dem Haus.
Ist Mittwoch der schlimmste Tag der Woche? (MDR Jump, 2022)
Ja, das legt zumindest eine Studie zweier Mathematiker von der Universität Vermont nahe, die vier Jahre lang mehrere Millionen Blogs und Twitter-Nachrichten auf einen Anfangssatz wie "Ich fühle mich heute schlecht" abgeklopft haben. Tatsächlich wurden solche Sätze vorrangig am Mittwoch bekundet, wohingegen am Montag offenbar noch der entspannte Sonntag gut nachwirkte. Als Psychologe halte ich es aber der Betrachtung wert, dass das Leben immer das ist, was unsere Gedanken daraus machen. Flößt uns also ein Mittwoch Missbehagen ein und glauben wir eine Verzagtheit des ganzen Körpers wahrzunehmen, können wir uns wenigstens sagen: Nur in der Dunkelheit sieht man die Sterne.
Ist zu viel Kultur schädlich? (MDR Jump, 2022)
Ja, da ist etwas dran. Kultur ist nicht nur eine Art linkes Hobby, sondern aus psychologischer Perspektive zum großen Teil die Bewirtschaftung von Langeweile. Seit mehreren Jahrzehnten kreist jedoch unsere Kultur fast ausschließlich um drei negative Themen, nämlich: die Einsamkeit des Menschen, die Abgewandtheit Gottes, die Unbewohnbarkeit der Erde. Liefert man sich dieser Verstörung nun über Gebühr aus, beginnt sie auf uns abzufärben und lässt uns am Ende womöglich noch daran glauben, man selbst ähnele einem Müllsack auf der Seins-Halde.
Warum wiederholen sich Trends? (BB Radio Länderwelle Berlin/Brandenburg, 2022)
Die Wiederkehr vieler Trends ist nicht einer mangelnden Fantasie geschuldet, sondern der Sehnsucht nach einer als schön erlebten Vergangenheit. Menschliche Erinnerungen können nämlich verblassen, ohne aber die alten Gefühle zu ersticken. Sie schaukeln dann vor uns als eine vage Verheißung wie eine goldene Frucht im Laubwerk unserer Seele. Durch das Wiederaufleben eines alten Trends fühlen wir uns gleich jünger und es steigen damalige innere Zustände wieder auf, die unbewusst in all den Jahren anhänglich geblieben sind.
Hält sich nur jeder Fünfte an seine Neujahrsvorsätze? (MDR Jump, 2022)
Ja, das stimmt. Untersuchungen zeigen, dass mehr als ein Drittel der Deutschen ein altes Jahr nicht apathisch verlässt, sondern mit fanatischen Vorsätzen in den Augen. Sich gesünder ernähren zu wollen, rangiert dabei auf Platz 1, wenngleich sich so ein profilschwaches Vorhaben ja auf kürzester Strecke gut ändern lässt. Im tiefsten Herzen gibt es nämlich auch einen Willen zur Ohnmacht gegenüber unserem angeblich schwachen Fleisch. In Befragungen geben aber zumindest 20% an, sich in ihren Vorsätzen nicht beirren zu lassen. Als Psychologe plädiere ich übrigens bei allen Entschließungen für das Menschlichere und das Maß: Hohe Berge werden selten im ersten Anlauf bezwungen.
Warum kommt es zu Streits im Urlaub? (MDR Sachsen-Anhalt, 2023)
Naja, durch die Brille des Psychologen bedeuten Urlaube ja die ekstatische Konzentration der Freizeit. Die Erwartungshaltung ist hoch, eine gute Zeit zu verleben. Allerdings entstehen im Urlaub durch die Freistellung von äußeren Verpflichtungen überschüssige Energien, die von vielen Paaren genutzt werden, die Streitaxt auszugraben. Nach Mahlzeiten am Hotelbuffet darf man wahrlich als gesättigt gelten, der Gummizug mancher Hose macht schlapp und auf Tagesausflügen wird viel Kaugummi bewegt. All dieses Zuviel an Muße setzt uns zu und lässt unsere gewöhnliche Alltagsdisziplin brüchiger werden.
Manchmal fühlen wir im Schädel einen Sturm, der nicht weiß, in welche Richtung er loslegen soll. Bevor sich dann ein Streit unorthodox hochschaukelt, hilft es, mit nachsichtiger Milde aufeinander zu schauen. Auch der Andere hat seine Beweggründe für seine abweichenden Positionen und jetzt das Recht auf einen schönen Urlaub.
Warum essen wir den besten Happen zum Schluss? (Radio R.SA, 2023)
Früher aß man sein Fleisch mit sichernden Blicken nach rechts und links. In der heutigen Wohlstandsgesellschaft mit ihrem Überangebot an Lebensmitteln brauchen wir gute Stücke nicht mehr in der Ecke verschlingen. Niemand schnappt uns etwas weg, aber das evolutionäre Erbe wirkt fort. Die Psychoanalyse will wissen, dass es uns Vorlustgewinn verschafft, wenn wir den köstlichsten Happen bis zum Schluss aufbewahren. Beißt man zu früh in ihn ein, wartet noch ein dickes Ende auf uns.
Schadet Getrenntschlafen der Partnerschaft? (Ostseewelle Hit-Radio Mecklenburg-Vorpommern, 2023)
Generell gilt im Leben: Wenn wir nicht genau sagen können, was wir gerade am dringendsten brauchen, dann ist es immer Schlaf. Insofern wird die Befriedigung der biologischen Bedürfnisse mit zunehmendem Alter wichtiger. Haben sich junge Menschen noch problemlos im schmalen Bett ineinander gefügt, werden sie später unduldsamer bezüglich der Schnarch- und sonstigen Körpergeräusche des Partners. Getrenntschlafen ist dann auf lange Sicht der Beziehung eher zuträglich. Es liegt ja auch im Auge des Betrachters, ob wir unser Bett als halbleer oder als halbvoll erleben.
Warum geben wir unseren Autos Namen? (Radio Brocken, 2023)
Die Antwort ist ebenso einfach wie verblüffend: Das Auto ist ein rollender Uterus. Wir nehmen nämlich im Auto eine Art Embryonalstellung ein, also eingefercht und gekrümmt, die Arme angewinkelt am Lenkrad. Ganz unbewusst werden beim Autofahren quasi vorgeburtliche Erinnerungen herauf gerufen und diese tiefe Vertrautheit verwandelt unser Auto dann in ein Familienmitglied, das folgerichtig einen schönen Namen verdient.
Kann man durch morgentliches Bettenmachen zum Millionär werden? (MDR Jump, 2023)
Nein, das stimmt in so einfacher Verknüpfung leider nicht. Allerdings hat der amerikanische Sozioökonom Randall Bell veröffentlicht, dass die Wahrscheinlichkeit, reich zu werden, um über 200% ansteigt, wenn man seinen Lebensraum ordentlich hält. Das Bettenmachen ist hierbei typisch für disziplinierte Morgenmenschen, wohingegen faule Langschläfer darauf eher verzichten. Das Bett, das unserer Ruhe und gelegentlichen Schlaflosigkeit den Rahmen gibt, ist also ein Symbol für unser sonstiges Leben. Wer sich bereits am Abend unter der Bettdecke zur Mumie rundet und sich morgens zur Ordnung ruft, dessen Nachtleben ist auf recht harmlose Art geregelt und er wird oft auch beruflich erfolgreicher sein als jemand, der gern in nächtlich geöffneten Erfrischungsstätten rastet.
Macht das Streben nach Glück unglücklich? (MDR Jump, 2023)
Nein, das stimmt nicht. Zwar wird immer wieder behauptet, dass es uns unter Stress oder gar Zeitdruck setzen würde, ständig dem Glück hinterher zu laufen. Als Psychologen sehen wir aber, dass Menschen durchaus nach Glück streben sollten, um dadurch schrittweise die bewusste Wahrnehmung für schöne Momente zu schärfen. Wer sich diesem Ziel nicht stellt, neigt viel eher dazu, eigene Unzufriedenheiten mit dem vermeintlich besseren Alltag der anderen zu vergleichen, was ja geeignet ist, dem Leben den Stempel des Unbehaglichen aufzudrücken. Allzu oft glauben wir nämlich, dass im Inneren der Lebenswelt von Mitmenschen Temperaturen herrschen, die wir selbst entbehren. Wir meinen, Andere leisteten sich quasi ein Leben in den psychologischen Tropen, während wir selbst uns auf Permafrost mit bestenfalls kurzem Sommer eingerichtet haben. Wer jedoch nach Glück strebt und den Blick auf eigene Glücksempfindungen richtet, der bewahrt einen achselzuckenden Gleichmut.
Ist Frühjahrsputz gesund? (MDR Jump, 2023)
Ja, das legt uns die Psychologie nahe. Solange nämlich vor dem Fenster Winter ist, setzt uns das trübe Wetter zu und auch unsere inneren Lichter sind ein wenig herabgebrannt. Wenn dann endlich der Himmel Farbe annimmt, belebt sich die gesamte Natur. Nehmen wir uns jetzt des Schmutzes und der Unordnung in unserem Zuhause an, kehren wir zugleich unseren Wintergrimm aus. Aus Studien weiß man, dass wir uns in einem sauberen und aufgeräumten Umfeld nachweislich wohler fühlen. Durch Frühjahrsputz machen wir also auch innerlich Platz für die neue Knospenbotschaft des März.
Fühlen sich Hinwege länger an als Rückwege? (MDR Jump, 2023)
Ja, das ist ein Fakt. Wir befinden uns auf Hinwegen nämlich in größerer Nervosität und setzen Hoffnungen in das Ziel. Dadurch wird unser subjektives Zeitempfinden verlangsamt. Überdies brechen wir zu unseren Reisezielen ja von unserem vertrauten Zuhause auf, dessen Umgebung wir noch im Radius etlicher Kilometer gut kennen. Hier sind wir hier ortskundig und bis in die umliegenden Felder hinein bewandert. Auch die Fahrt zur Autobahn oder zum Bahnhof kennen wir noch wie unsere Tasche und bekommen erst nach mehr als einer Stunde das Gefühl, jetzt erst richtig unterwegs zu sein, was die empfundene Fahrtzeit des Hinwegs verlängert. Auf dem Rückweg hingegen meinen wir, unser Zuhause fast schon erreicht zu haben, sobald der Name unseres Heimatortes erstmals irgendwo auf Schildern auftaucht und finden dann erstaunlich, wie schnell alles ging.
Wirken Urlaubsorte beim zweiten Mal nicht so schön wie abgespeichert? (MDR Jump, 2023)
Ja, aus psychologischer Sicht stimmt das. Wenn wir uns nämlich auf eine Reise begeben, suchen wir Loslösung vom Alltag und neue Eindrücke. Sagen wir dann von einem Urlaub, er sei traumhaft gewesen, kamen offenbar viele schöne Dinge zusammen: Eine Landschaft von ungekannter Herrlichkeit, nette Menschen und einzigartige Erlebnisse. Im besten Fall zeigte auch das Wetter sich im Einvernehmen mit unserem Ferienkalender. Die Wahrscheinlichkeit, bei einer späteren Wiederholung erneut gleichzeitig alle Faktoren glücklich versammelt zu finden, ist jedoch ernüchternd niedrig.
Sind Hausaufgaben während der Ferien sinnvoll? (MDR Jump, 2023)
Nein, das ist falsch. Viele meinen ja, dass Kinder, solange ihnen der Schulranzen anhängt, effektiv ihre Zeit nutzen müssten wie Erwachsene. Tatsächlich zeigen aber psychologische Studien, dass unsere Sprösslinge in den Ferien keinesfalls verdummen, sondern das bisher Gelernte sacken lassen. Hausaufgaben wären hier ein unnötiger Stressfaktor, denn eigentlich würde es schon ausreichen, in der unterrichtsfreien Zeit in ruhiger Muße im Sessel zu sitzen und den von Eiscreme gefüllten Magen zu bewachen. Glücklicherweise finden nach Ferienende alle Beteiligten innerhalb weniger Tage zur Routine zurück, wenn wir unsere Kinder jetzt wieder der Schule zutreiben müssen.
Wohnen in Deutschland die meisten Morgenmuffel? (MDR Jump, 2023)
Ja, ganz entgegen dem landläufigen Klischee der fleißigen Deutschen legen das zumindest die Ergebnisse einer Befragung nahe, die der Energieversorger E.ON gemeinsam mit Kantar EMNID unter 10.000 Europäern durchgeführt hat. Demnach kommen 55% der befragten Deutschen ganz schlecht aus den Federn, wovon etwa ein Drittel fast eine ganze Stunde lang muffelig bleibt. Das sind ähnlich schlechte Werte wie bei den Schweden, Briten und Tschechen - übrigens im Gegensatz zu den eher gern frühaufstehenden Rumänen und Franzosen. Der Grund liegt vermutlich in unserer Neigung, in allen Lebensbereichen das deutsche Wetter zu erzeugen, das landesübliche Grau. Wir fühlen uns dann nie von einer neuen Morgenröte angestrahlt, sondern haben sogar im Sommer die Fähigkeit, bereits am Morgen mürrisch auf der Terrasse zu sitzen.
Machen Plätzchen glücklich? (MDR Jump, 2023)
Aber ja doch. Deren hoher Buttergehalt löst im Mundraum nämlich einen starken Schmelzeffekt aus und sorgt für retronasale Aromaentwicklung. Und bei den kalorienreichen Zutaten wie Nüssen und Zucker lassen die Glückshormone natürlich nicht lange auf sich warten. Aber allein schon der Anblick eines schönen Tellers mit Weihnachtsgebäck besitzt nachweislich positive Wirkungen und schafft seelische Entspannung. Er erinnert uns an unbeschwerte Kindheitstage und beschwört ein Selbstgefühl, als ob man sich mit einer unsichtbaren Hand liebevoll von innen her abtasten könnte. Es gibt also guten Grund, jetzt in der Küche rührig zu sein.
Vergeht die Zeit schneller mit dem Älterwerden? (MDR Jump, 2024)
Ja, das stimmt tatsächlich. Einer Studie der US-amerikanischen Duke University zufolge verlangsamt sich mit zunehmendem Alter unsere Bildverarbeitung im Gehirn. Unsere Neuronennetze werden nämlich allmählich größer und komplexer, was zu längeren Pfaden und höherer Verarbeitungsdauer führt. Hingegen bewältigen junge Menschen mehr Bilder pro Tag und haben deshalb das Gefühl, mehr zu erleben. Hinzu kommt, dass sich ja mit dem Älterwerden unsere Bereitschaft für Aktivitäten reduziert, da wir lieber den Fuß ruhen lassen. Die Zeit vergeht dann ohne Ertrag und in unserer Empfindung sehr schnell. Die gute Nachricht ist aber, dass wir mit innerer Zweidrittelmehrheit jederzeit unsere seelische Verfassung ändern können. Durch Erlebnisse lässt sich das Davonrasen der Zeit subjektiv bremsen.
Macht zu viel Kultur im Urlaub krank? (MDR Jump, 2024)
Ja, das ist wahr. In der Psychologie sprechen wir vom Stendhal-Syndrom, das sich auf Reisenotizen dieses französischen Dichters aus dem 19. Jahrhundert bezieht. Er hatte bei einer Reise nach Florenz festgestellt, dass kulturelle Reizüberflutung zu Erschöpfungszuständen bis hin zu Panikattacken und Wahrnehmungsstörungen führen kann. Ein Zuviel an Ergriffenheit angesichts einer überbordenden Fülle von Kunstwerken und Baudenkmälern ist also nicht empfehlenswert. Stattdessen darf man es im Urlaub mit einem Tagesausflug in eine Kulturmetropole gut sein lassen, während sonst ganz einfache Sensationen genügen, etwa dass man einem Felsen für touristische Nutzung mit meterlangem Knüppelholz eine Naturtreppe beigebracht hat.
Erkennt man an der Automarke den IQ? (MDR Jump, 2024)
Nein, so einfach ist es nicht, aber der Reihe nach. Eine aktuelle britische Studie hat 2.000 Kraftfahrer nach deren Automarke befragt und einem kurzen Intelligenztest unterzogen. (Daraus ergab sich, dass Skoda-Fahrer mit einem durchschnittlichen IQ von 99 den ersten Platz einnahmen, gefolgt von Suzuki mit 98,1 und so fort. Den letzten Platz errangen Land-Rover-Fahrer mit einem IQ von 88,6. Hier zeigt sich schon das erste Problem:) Die Variationsweite der gemessenen Intelligenzquotienten ist äußerst gering und streut eng um den statistischen Durchschnitt. Man kann ja immer Dinge der Größe nach sortieren, aber solange die Werte sich untereinander nicht signifikant unterschieden, liegt purer Zufall vor. Außerdem wurden in der Studie auch viele andere Variablen abgefragt wie Autofarbe, Antriebsart usw. Und je mehr Variablen im Spiel sind, desto wahrscheinlicher wird man irgendetwas finden. So waren Fahrer von Benzinmotoren intelligenter als jene von Hybrid- oder gar Elektrofahrzeugen. Und Fahrer von grünfarbigen Fahrzeugen hatten den niedrigsten IQ.
Sind chaotische Menschen intelligenter? (MDR Jump, 2024)
Ja, einige Studien haben ergeben, dass intelligente Menschen überdurchschnittlich oft durch ihre Unordnung hervorstechen, übrigens aber auch durch längeres Aufbleiben nachts und häufigeres Fluchen tagsüber. Man meinte, dass ihr Hirn mit Wichtigerem beschäftigt sei als mit Aufräumen und Nettsein. Besonders kreative Prozesse lieben das Chaos und ordnen die Welt nicht wie ein Verwaltungsbeamter nach dem Schema seiner Akten. Die gute Nachricht ist, dass Intelligenz nie umverteilt werden muss, denn jeder ist überzeugt, er habe genug davon.
Vergrößern Kurzvideos die Langeweile? (MDR Jump, 2024)
Nein, kürzlich wurde durch die Universität Toronto zwar eine Studie an 1.200 Versuchspersonen publiziert, die in sieben kleinen Experimenten eine Zunahme des Gelangweiltseins durch schnelles Wechseln zwischen Videos festzustellen meinte. Zugrunde lag das sogenannte Boredom Feedback Model, wonach Langeweile entsteht, wenn eine Tätigkeit nicht so interessant ist, wie man es sich erhofft hatte. Das Switching zwischen und innerhalb von TikToks und Youtube Shorts zeige demnach nur mehr vom Gleichen und führe zur Frustration. Natürlich suchen wir alle nach sinnvoller Gestaltung unserer Lebenszeit. Es liegt aber an uns selbst, ob wir Kurzvideos missmutig einfach nur als Berieselung betrachten oder darin eintauchen mit dem guten Willen, irgendetwas aus ihnen zu lernen. Wenn sie nämlich unseren Gedanken eine andere Richtung geben oder uns Stoff zum Nachsinnen präsentieren, sind sie ein Regen für den Seelengarten.
Liegen wir bei der Altersschätzung durchschnittlich um 8-11 Jahre daneben? (MDR Jump, 2024)
Ja, das stimmt. Studien ergaben, dass wir uns beim Alter fremder Personen um mehr als 10 Jahre verschätzen können. Besonders jüngere Menschen werden älter geschätzt und alte Menschen werden oft für jünger gehalten als sie es in Wirklichkeit sind. Der Grund liegt in unserer ganzheitlichen Wahrnehmung von Gesichtern. Theoretisch könnten wir uns ja auf Einzelmerkmale des Alters konzentrieren, wie auf Texturen von Falten, typische Pigmente oder Volumenverluste der Haut. In der Realität haben wir uns aber antrainiert, Gesichter als Einheiten aufzufassen. So sehen wir ja in einem Smiley mit zwei Punkten und gebogener Linie bereits ein lachendes Gesicht. Dieses Ausblenden von Einzelheiten in der Gesichterwahrnehmung bringt wiederum den Vorteil, dass wir sie insgesamt besser wiedererkennen können.
Steigert Sportschauen das Wohlbefinden? (MDR Jump, 2024)
Ja, erst im März 2024 veröffentlichten die japanischen Sportwissenschaftler Sato und Kinoshita von der renommierten Waseda-Universität in Tokio eine Studie, die an mehr als 20.000 Japanern einen Zusammenhang zwischen Sportschauen und Wohlbefinden feststellten. Demnach fördert das Verfolgen sportlicher Ereignisse sowohl im Stadion als auch am Bildschirm nicht etwa nur das Gemeinschafts- und Zugehörigkeitsgefühl unter den Zuschauenden, sondern auch die gemessenen Gehirnaktivitäten wiesen auf positive Effekte. Nun ist es ja so, dass beim Sport die Anstrengung in den Dienst des Überflüssigen gestellt wird. Das heißt, Sportler trainieren und zeigen Muskelbewegungen, die im Alltag nicht benötigt werden. Dahinter steckt das menschliche Bedürfnis, sich mit Sport selbst zu beeindrucken. Ich würde von einer Win-Win-Situation sprechen, wenn nun auch diejenigen profitieren, die keine sportliche Disziplin üben.
Können zu spät kommende Menschen nichts dafür? (MDR Jump, 2024)
Ja, da ist etwas dran. Landläufig wird Zuspätkommen ja als mangelnde Wertschätzung für den Wartenden und in der modernen Psychologie als eine Form passiv-aggressiven Verhaltens interpretiert. Allerdings legen uns einige Studien nahe, dass Zuspätkommer möglicherweise von ihren eigenen Gehirnen bei der Einschätzung des Reiseweges irregeleitet werden. Je bekannter uns nämlich ein Weg ist, in umso kürzerer Zeit meinen wir ihn zurücklegen zu können. Deshalb wird etwa bei Verabredungen in der eigenen Stadt schlichtweg nicht rechtzeitig genug aufgebrochen, sodass man sagen kann: Es ist nie zu spät, unpünktlich zu sein.
Wirken Weihnachtsfilme wie eine Therapie? (MDR Jump, 2024)
Ja, das ist gar nicht so abwegig. In der Psychologie unterscheiden wir ja zwischen dem Hedonismus, also dem kurzfristigen Lustgewinn beispielsweise mit dem Essen von Schokolade, und der sogenannten Eudämonie, also dem Gefühl langfristiger Beglückung beispielsweise mit der Geburt eigener Kinder. Sowohl Psychotherapie als auch Weihnachtsfilme sprechen nun eher letztere an. In den Weihnachtsfilmen gibt es nämlich eine schwarz-weiße Handlung in Farbe. Sie spielen in idyllischer Kulisse, haben stets hübsche Protagonisten und das Happy End besteht dann in irgendeiner Familienzusammenführung. Schauen wir uns dies Jahr für Jahr gemütlich an, werden nicht nur Kindheitserinnerungen herauf gerufen, sondern wir beginnen an unser seelisches Wohlbefinden zu glauben.
Vererbt sich handwerkliches Talent? (MDR Jump, 2025)
Nein. Sowohl handwerkliches Geschick als auch Ungeschick sind in erster Linie erlernte Fähigkeiten. Genau wie bei einem Musikinstrument benötigt man auch für das Werkeln mindestens 10.000 Stunden Übung, um eine gewisse Souveränität zu erreichen. Wem dazu die Lust fehlt oder wer fest an seine zwei linken Hände glaubt, wird es trotz vielleicht guter Anlagen hier zu nichts bringen. Jeder kennt beispielsweise Väter, die jenes Werkzeug und Können besitzen, nachdem ein kaputtes Fahrrad seit Wochen verlangt. Im Idealfall sind sie bereits in eine Latzhose gekleidet, in deren Brusttasche Kombizange und Zollstock praktische Ausweise sind. In der gleichen Zeit betrachten die Sprösslinge liebevoll-prüfend ihre eigenen Hände. Umgekehrt existieren auch zahlreiche verwöhnte Eltern, die ihre Reparaturen der Geschicklichkeit ihrer Kinder überlassen dürfen.
Sind drei Hobbys ideal? (MDR Jump, 2025)
Ja, das ist korrekt. Die "Three Hobbies Theory" besagt, dass wir für ein ausgewogenes und zufriedenes Leben drei unterschiedliche Hobbys pflegen sollten: Eines, mit dem wir ein kleines bisschen Geld hinzuverdienen, eines, das unserer Kreativität umschmeichelt, und eines, welches uns in körperliche Bewegung versetzt. Hintergrund ist, dass der Homo sapiens als komplexes Lebewesen mit verschiedenen alten evolutionären Modulen ausgestattet ist, die auch heute noch anspringen wollen. Grabungsfunde belegen: Der Mensch scheint in erster Linie ein gefäße-machendes Tier zu sein, was in gewisser Weise alle drei Komponenten der Hobbytheorie bespielt. Übrigens suchte bereits der Vorläufer des Homo sapiens am Boden nach Nahrung, aber in den Ästen der Bäume nach Rettung vor Verfolgern. Dieses Ausweichen in die Höhe bei Gefahr entspricht dem, was man später "transzendieren" nennt und unsere Beschäftigungsbedürfnisse erklärt.
Verrät die Reaktion auf Geschenke unsere soziale Herkunft? (MDR Jump, 2025)
Ja, in den Verhaltensweisen beim Beschenktwerden zeigt sich die Kinderstube unserer Erziehung. In den obersten Schichten der Gesellschaft hat man früh gelernt, sich echtes Entzücken nicht anmerken zu lassen, sondern das Vergnügen mit einer Gebärde lässiger Billigung herab zu setzen. In der Mittelschicht hingegen nimmt man auch unter Erwachsenen seine Geschenke mit der fast ironisch übertriebenen Bewunderung in Augenschein, mit der man sonst nur die Herrlichkeiten der Kinder zu bestaunen pflegt. Und in den unteren Schichten der Gesellschaft kann man nicht immer der Versuchung widerstehen, in die Ehrlichkeit der frühesten Kindheit zurück zu fallen. Generell kann man aber sagen, dass mit wachsender finanzieller Unabhängigkeit der wahre Charakter eines Menschen freigelegt wird und der kann halt sowohl bei reicher als auch bei armer Herkunft gut oder schlecht sein.
Macht Humor vom Chef schlechte Laune? (MDR Jump, 2025)
Oh ja, das ist ein Fakt. Bei manchen Menschen fragt man sich ja besorgt, wohin ihr Humor sich verflüchtigt hat. Dennoch ist er nicht unter allen Umständen begrüßenswert, sondern kann die Empfänger anstrengen, wenn sie sich aus hierarchischen Gründen amüsiert zeigen müssen, obwohl sie das Gesagte nicht lustig finden. Die London School of Economics hat hierzu ein Feldexperiment mit 88 Führungskräften durchgeführt, die eine Woche lang besonders viele Witze reißen sollten, was bei den Mitarbeitern zu gemessener emotionaler Erschöpfung führte. Nimmt also die Heiterkeit bei Vorgesetzten überhand, droht bei den Untergebenen die Gefälligkeitsspannkraft ihrer Bewegungen zu ermatten und deren Lächeln zu einer leicht schmerzhaften Maskenhaftigkeit zu erstarren.