Beiträge für einen Podcast (5)


Warum sehen wir nur, was wir sehen wollen? (BB Radio, 2021)



Im Laufe unseres Lebens haben wir gelernt, für uns selbst überall Wahrnehmungs- und Benutzeroberflächen herzustellen. Jede neue Erfahrung möchte in bereits vorhandene Denkmuster integriert werden. Wir sind übrigens eher bereit, eine ungefällige Tatsache zu leugnen statt unser bisheriges Denk- und Wertesystem in Frage zu stellen. Aber bekanntlich ist auch hinter dem Berg noch Welt.

Warum verreisen wir gern? (BB Radio, 2021)



Urlaub ist die ekstatische Konzentration der Freizeit. Um unser Bedürfnis nach Tapetenwechseln und ungewohnten Eindrücken zu bedienen, schaufeln uns Reiseunternehmen preiswert in Gruppen an sonnige Strände oder zu Bildungsruinen. Nüchtern betrachtet, wird auch bei anspruchsvollen Reisezielen letztlich Biomasse durch Kulturmasse geschleust. Dennoch reisen wir nicht, um aus dem Leben zu fliehen, sondern damit das Leben nicht aus uns flieht.

Warum irritieren uns Komplimente? (BB Radio, 2021)



In unserer Kultur kritisieren wir alles gern, aber loben meist nur beiläufig und sind mit Zuspruch eher zurückhaltend. Aus diesem Grund misstrauen wir Komplimenten und suchen sie aus Unsicherheit sogar nach versteckten Ironie-Signalen ab. Interessant ist: Befinden wir uns in einer Lebensphase der Stärke, hören wir auch über verdiente Komplimente hinweg. Sind wir jedoch in einer Lebensphase der Schwäche, lassen wir selbst die sinnlosesten Schmeicheleien auf uns wirken.

Warum können wir schlecht "Nein" sagen? (BB Radio, 2021)



Wir sind bemüht, unsere Mitmenschen nicht zu enttäuschen. Um sie uns gewogen zu halten, schlagen wir ihre Bitten nur ungern aus. Dennoch mag es vielleicht überraschen, dass ich als Psychologe sage: In einem "Ja" steckt wesentlich mehr Kraft als in einem "Nein". Wer ein großes Nein in sich trägt, dem fehlt es im Leben häufiger an Harmonie. Manche verbrauchen dann auch Psychotherapeuten wie ein Kettenraucher.

Warum folgen wir der Bekleidungsmode? (BB Radio, 2021)



Natürlich gibt es Menschen, die der Mode ihrer Jugend nicht untreu geworden sind. Dennoch lassen wir uns gern von neuen Kollektionen verzaubern. Sobald wir Trends folgen, empfinden wir uns als lebendige Teilnehmer einer dynamischen Kultur und können unsere Wandelbarkeit beweisen. Man kann seiner Lebensfreude also auch dadurch Ausdruck geben, indem man sich modisch kleidet.

Warum leben wir oft ungesund? (BB Radio, 2021)



Die Lebensspanne rollt sich vor uns aus wie ein rissiges Seil, dessen Enden sich im Grau verlieren. Da wir nie genau wissen können, ob und wie sich eine anstrengende gesunde Lebensweise auf unsere konkrete Lebenserwartung auswirken würde, schlagen wir den Weg der Bequemlichkeit und des Genusses ein. Intuitiv ahnen wir: Gesundheit ist lediglich die langsamste Form zu sterben. Deshalb zählen nicht die Jahre in unserem Leben, sondern es zählt das Leben in unseren Jahren.

Warum finden wir Minimalismus attraktiv? (BB Radio, 2021)



Seit geraumer Zeit streben immer mehr Menschen nach einer Reduzierung von Komplexität. Wir glauben nämlich, uns auf das wirklich Wesentliche besinnen zu können durch Verzicht auf unnötige Dinge und durch klare Linien in allem. Obwohl dies auf den ersten Blick weise erscheint, ist Minimalismus wahrscheinlich dennoch eine Sackgasse. Denn der extreme Schlusspunkt wäre das Gehirn in einer Nährlösung. Außerdem gebe ich als Psychologe zu bedenken: Dass weniger mehr ist, gilt nur für den, der viel hat.

Warum verschätzen wir uns beim Alter von Fremden? (BB Radio, 2021)



Wir wünschen uns, dass unser Äußeres eine ausdauernde Jugendlichkeit behält. Tatsächlich arbeitet aber das Alter an unserem Gesicht wie ein unzufriedener Bildhauer. Dass wir uns dennoch bei Fremden um mehr als 10 Jahre verschätzen können, hängt mit unserer ganzheitlichen Wahrnehmung von Gesichtern zusammen. Wir registrieren kaum ihre Details, sondern lassen sie als Einheit auf uns wirken. Deshalb werden junge Menschen älter und alte Menschen jünger geschätzt als sie es sind.

Warum schieben wir unangenehme Dinge auf? (BB Radio, 2021)



Zuweilen meinen wir, das zart Schwebende unserer Existenz würde verbieten, es mit der Wirklichkeit aufzunehmen. Wir sehen uns dann außer Stande, das Notwendige anzupacken. Der Mensch ist dasjenige Wesen, das am liebsten sagt: "Ich konnte nicht anders!" Es gibt also auch einen Willen zur Ohnmacht. In der objektiven Realität wäre unsere Energie natürlich auch ausreichend für das Erledigen unangenehmer Handlungen.

Warum wünschen wir uns freundlichen Service? (BB Radio, 2021)



Beim Erwerb einer Ware oder Dienstleistung scheint es auf den ersten Blick ja zweitrangig, ob wir dabei vom Verkaufspersonal angelächelt werden oder nicht. Dennoch bedeutet ein Kaufvorgang immer auch eine wechselseitige Wertschätzung unserer sozialen Rollen. Werden wir in guter Form bedient, fällt uns die Erlegung des Preises leichter, wenngleich man sich vor Übertreibungen hüten sollte: Laufen wir beim Kauf eines neuen Handys durch ein Spalier applaudierender Store-Mitarbeiter, werden wir womöglich veräppelt.

Warum können wir immer immer schlechter mit Rauchern umgehen? (BB Radio, 2021)



Unsere Gesellschaft idealisiert zunehmend eine gesunde Lebensweise. Psychologisch erscheint uns Rauchen jetzt wie eine Geste der Selbstzerstörung und deshalb weniger erträglich. Zwar gibt es von der Gegenseite entschlossene Versuche, dem Rauchen in Spezial-Boutiquen eine Aura kosmopolitischer Eleganz zu verleihen. Typischerweise werden jedoch Raucher etwa auf Flughäfen in Raucherkabinen gebündelt und den Kindern öffentlich zur Warnung vorgesetzt, wie im 17. Jahrhundert die Wahnsinnigen hinter Eisenstäben.

Warum schlagen wir uns nicht die Köpfe ein? (BB Radio, 2021)



Im Normalfall gehen wir gesittet miteinander um. Kultur entsteht, indem Sexualität und Aggressivität in Spielform überführt werden. Im Tierreich ist beispielsweise die fortwährende sexuelle Belästigung der weiblichen Tiere durch die männlichen noch immer virulent. Uns Menschen ist es jedoch gelungen, die Sexualität zu einem Spiel der Geschlechter nach komplizierten sozialen Regeln zu machen. Und für die Eindämmung unsere Aggressionen haben wir die Drohungen des Strafrechts erfunden und lagern aggressive Impulse zum Beispiel in das Feld des sportlichen Wettkampfs aus.

Warum sind wir intelligente Wesen? (BB Radio, 2021)



Intelligenz ist die Fähigkeit zum Lösen neuer Denkaufgaben. Wir benötigen sie immer wieder, da menschliches Leben vielschichtige Anforderungen stellt und uns auch in komplizierte soziale Rollen drängt. Deshalb gibt es selbst für geistig durchschnittlich Ausgestattete noch das Trostpflaster der emotionalen Intelligenz. Nach 25-jähriger Berufserfahrung als Psychologe würde ich heute aber folgendes resümieren: Intelligenz ist Ignoranz gegenüber dem Irrelevanten.

Warum werden wir engstirnig mit dem Älterwerden? (BB Radio, 2021)



Je älter wir werden, desto überzeugter sind wir von der Richtigkeit unserer Lebensauffassungen. Wir lassen dann nur noch gelten, was wir ohnehin schon zu wissen glauben und zeigen eine von Altersrücksichtslosigkeit kaum mehr unterscheidbare Urteilsfreudigkeit. Wie große Pflanzen unterliegen nämlich auch Menschen der Gefahr der Verholzung. Manche Menschen werden deshalb im Alter steif und knorrig wie alte Olivenbäume.

Warum macht uns ein Überangebot von Waren nicht zufrieden? (BB Radio, 2021)



In unserer entfalteten Konsumsphäre sind es bekanntlich die Angebote, die reichlich sind, während die nachfragefähigen Bedürfnisse sich immer mehr als Knappheiten präsentieren. Wäre es anders, würde es keinen so starken Wettbewerb um die Bewirtschaftung von echten Notlagen geben. Der Mangel ist also zu einem knappen Gut geworden. Und im tiefsten Herzen wollen wir das Rare und nicht das, was man überall bekommen kann.

Warum lieben wir Zimmerpflanzen? (BB Radio, 2021)



Haben wir unser Zuhause mit kühlem Verzicht auf Behagen und Traulichkeit eingerichtet, fühlen wir uns darin nicht wohl. Unser Auge sucht dann nach entspannendem Grün. Sobald wir Pflanzen bei uns aufnehmen, lebt unsere Wohnung auf. Im tiefsten Herzen sind wir Menschen empfänglich für Pflanzen, deren bescheidenes stilles Leben und langsames Wachstum dem unseren Ruhe gibt.

Warum wollen wir immer größere Wohnungen? (BB Radio, 2021)



Das Wohnumfeld ist Ausdruck unserer Verhältnisse. Mit wachsendem materiellen Wohlstand meinen wir, wir bräuchten mehr Platz, um unserer Blüte eine angemessene Aura zu geben. Wenn uns damals als Kinder in einer knapp bemessenen Wohnung nur wenig Spielraum blieb und wir auch als junge Erwachsene unser Leben noch mit geringen Mitteln bestreiten mussten, glauben wir später, wir hätten bei der Wohnfläche nun Steigerungen verdient.

Warum reden wir zu viel? (BB Radio, 2021)



Wir Menschen sind durch eine übertriebene Mitteilsamkeit charakterisiert. Wir sind bemüht, Konversationen nicht abreißen zu lassen, da auch unsere innere Rede mäandernd weiter läuft. Als sprachmächtige Wesen kann sich in uns eine Wörterflut stauen, sodass manchen die Sprache als eine Art Durchfall erwischt. Aber bereits Goethe hat erkannt: Wer vor anderen lange allein spricht, ohne den Zuhörern zu schmeicheln, erregt Widerwillen.

Warum gehen wir zuweilen ähnliche berufliche Wege wie unsere Eltern? (BB Radio, 2021)



In früheren Zeiten ergriff ein Kind zumeist den Beruf des Vaters. Der Sohn des Müllers wurde wie selbstverständlich mit den Gegebenheiten der Mühle vertraut gemacht und das Kind des Schusters blieb bei den Leisten. Auch heute ahmen viele von uns unbewusst noch das Arbeitsmilieu der Eltern nach, da wir es als Feld ihrer größten Kompetenz erlebt haben. Als Gegengewicht gibt es aber auch den Ehrgeiz mancher Eltern, ihr schwach durchblutetes Kind zum Geschäftsführer zu erigieren.


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