Beispiele für Medienreferenzen

Beiträge für einen BB-Radio-Podcast
im 4. Quartal 2021



Warum müssen wir uns zum Sport überwinden? (04.10.2021)




Unser Körper bildet von selbst Fitness in jenen Bereichen aus, die besonders beansprucht werden. Wer nur im Büro arbeitet und trotzdem für einen Waschbrettbauch trainiert, muss sich die Frage stellen, warum ausgerechnet im wenig benötigten Bauchbereich derartig definierte Muskeln entstehen sollen. Da der Aufwand eines großen zeitlichen Investments beim Sport zum entsprechenden Nutzen in keinem linearen Verhältnis steht, überwinden sich viele Menschen nicht, ihre körperliche Zurückhaltung zu durchbrechen. Daran ändert auch nichts, dass überall Sportstätten sind und inzwischen in jedem Park ein Drahtkäfig für Ballspieler steht.


Warum überessen wir uns bei Buffets? (05.10.2021)




Unsere Geschmacksknospen sind für neue Erlebnisse offen. Buffets bieten uns hier die Möglichkeit, verschiedenartige Gerichte zu probieren, ohne von derselben Speise gleich einen ganzen Teller essen zu müssen wie zu Hause. Deshalb verspüren viele Menschen den Antrieb, von einem Buffet alles einmal versucht zu haben und von besonders Schmackhaftem dann nachzuladen. Wenn wir jedoch ganz und gar auf Essen konzentriert sind, verschwindet es rasch aus unserem Teller und hinterher können wir wahrlich als gesättigt gelten.


Warum lesen wir Regenbogenpresse? (06.10.2021)




Neben ihren Tipps zu Kosmetik, Diäten, Gesundheitsthemen und Reisen verspricht die Regenbogenpresse vor allem eine emotionale Berichterstattung über Prominenten-Schicksale. Diese stützt sich zwar meistens auf improvisierte Mutmaßungen, erlaubt uns aber Zerstreuung und Ablenkung vom Alltag. Als Rezipienten sind wir begierig, bei Prominenten beginnende partnerschaftliche Zerwürfnisse oder gesundheitliche Spannungen auszumachen. Denn sie relativieren unseren Eindruck, das Leben habe die Promis besser behandelt als uns.


Warum kaufen wir Markenprodukte? (07.10.2021)




Wir können eigentlich davon ausgehen, dass jedes in Deutschland verkaufte Produkt eine marktgängige Qualität besitzt. Jedoch möchten wir manchmal durch den Griff zu Markenprodukten eine besondere Verlässlichkeit sicher stellen. Bekannte Marken assoziieren wir mit Bewährtheit und betrachten sie als eine Art Lebensergänzungsmittel, mit denen wir die Teilhabe an gehobenen Qualitäts-Chancen oder erweiterten Genugtuungen erlangen.


Warum wachen wir nach schlechtem Schlaf trotzdem zur üblichen Zeit auf? (08.10.2021)




Nicht immer finden wir sang- und klanglos in ruhigen Schlaf. Wenn wir länger als gewöhnlich wach waren, ist die darauf folgende Schlafdauer jedoch keineswegs verlängert, sondern oft sogar verkürzt. Der Grund liegt darin, dass im Zwischenhirn das kleine Kerngebiet des Nucleus suprachiasmaticus uns jeden Tag mit der äußeren Uhrzeit synchronisiert. Hätten wir nach einer langen Wachphase immer eine lange Schlafphase, würden sich auch die Einschlafenszeiten der kommenden Tage verschieben und unser Takt wäre entgleist. Wir ständen dann nicht mehr im Einklang mit dem 24-Stunden-Rhythmus von Tag und Nacht auf der Erde.


Warum hören wir ungern unseren Partner schnarchen? (11.10.2021)




Es gibt Nächte, in denen unser Schlaf zur Schwerarbeit wird. Während wir selbst in sorgenvollen Gedanken liegen, ertönen neben uns die Schnarchlaute des Partners als befriedete Kundgebungen seiner Anheimgabe ans Vegetative. Wir empfinden dann heimlich Neid und Missgunst, dass sich der Schlaf über unseren Partner gesenkt hat, während wir selbst wachliegen müssen. Wir meinen dann, dass dessen lautes Schnarchen uns nun erst recht am Schlummern hindert und fokussieren uns auf das, was an unser Ohr dringt. Dadurch lehnen wir selbst uns gegen den Schlaf auf und klammern uns unbewusst an das Wachsein.


Warum sind wir mäkelig beim Essen? (12.10.2021)




In zehntausenden Jahren haben Menschen gelernt, dass wir bei Nahrung aus der Natur nicht zu experimentierfreudig sein sollten und vor allem die Energiemenge zählt. Zu keiner Zeit bestand ernsthaft Gefahr, beispielsweise an einem Mangel an Kalium zu sterben, wie es in Gemüse vorkommt. Hingegen verheißt süßer Geschmack die lebensnotwendigen Kalorien. Zudem ist Süßes fast nie giftig, im Gegensatz zu Bitterem. Besonders diejenigen Kinder und Erwachsenen, die auch in ihrem sonstigen Leben eher zur Vorsicht neigen, sind beim Essen wählerisch. So stirbt unter ihren Augen der Fisch auf dem Tisch ein zweites Mal.


Warum wollen Menschen Macht besitzen? (13.10.2021)




Bei genauer psychologischer Betrachtung ist Macht ein Maß dafür, wie weit man sich nicht anpassen muss. Das heißt, Machthaber geben den Menschen ihrer Einflusssphäre vor, was getan und gelassen werden soll, aber sie selbst fühlen sich sicher genug, ihr eigenes Leben nicht an diese Vorgaben anpassen zu müssen. Beispielsweise besteht das Wesen der allermeisten Politik in der Forderung, andere sollten sich um andere kümmern. Irgendwer soll für irgendwen baldmöglichst etwas tun. Die Politiker selbst bleiben an den ganz konkreten Handlungen dann aber unbeteiligt.


Warum wollen wir immer das neueste Handy? (14.10.2021)




Obwohl wir meinen, dass uns das Internet und die sozialen Netze jeden Tag Neues zeigen, sind die Inhalte eigentlich fast dieselben wie an bisherigen Tagen. Auch unsere Reihenfolge, in der wir Smartphone-Apps aufrufen, folgt zumeist einer täglichen Routine. Da uns die Handynutzung von der Hand geht als handele es sich um ein Ritual wie Zähneputzen, möchten wir wenigstens das Endgerät aller ein, zwei Jahre wechseln, um uns der Illusion hingeben zu können, alles sei jetzt anders und besser als früher.


Warum hängen wir oft in der Vergangenheit? (15.10.2021)




Wenn wir älter werden, hinterlässt der einzelne Tag nur noch selten eine erinnerungstaugliche Kontur. Da die Gegenwart ereignisarm und die Zukunft ungewiss ist, nehmen wir Zuflucht in der Vergangenheit. Wir erinnern uns dann an prägende Kindheitserlebnisse und an Menschen, mit denen wir damals die gleiche Schule vermieden haben. Heute sind aber auch junge Menschen von der Überflutung durch Vergangenheit betroffen. Durch die Allgegenwart von Handyfotos und Postings leben wir nämlich im Modus der Hyperarchivierung, die den Abfluss des Gewesenen verstopft.


Warum fallen uns Entschuldigungen schwer? (18.10.2021)




Jede Entschuldigung bedeutet, dass wir einen eigenen Fehler einräumen. Dies setzt aber die Bereitschaft voraus, in uns überhaupt die Existenz irgendeiner Fehlerhaftigkeit versuchsweise zu akzeptieren. Dies ist nicht automatisch gegeben bei denjenigen, die ihre Lebenswelt als ein stabiles System von unergänzbaren Vorzügen beschreiben. Rufen wir jedoch um Verzeihung an, führt dies erstaunlicherweise häufig nicht zu einer Herabsetzung unserer Person, sondern zu einer Heraufsetzung.


Warum mögen wir Adelsserien? (19.10.2021)




Adelsserien zeigen uns eine Welt jenseits unseres Alltages. Einerseits fasziniert das uns vor Augen gebrachte mondäne Umfeld, andererseits nehmen wir mit Genugtuung gern zur Kenntnis, dass auch der Adel keineswegs frei von Problemen ist. In den Serien scheinen die betreffenden Familien immer zu Fehden entschlossen. Während wir bequem unsere Fernsehsessel füllen, beobachten wir die intriganten Ränkespiele der anderen. Der Himmel des Adels täuscht eine Bläue vor, der wir misstrauen wollen.


Warum lieben viele den Herbst? (20.10.2021)




Wenn die herbstliche Natur ihr hinfälliges Angebot macht, trübt sich bei vielen Menschen die Stimmung wegen der kälter und dunkler werdenden Tage ein. Nicht nur der nasse Strauch steht dann kundig des Herbstes. Jedoch können auch viele Menschen das schöne Farbenspiel der Blätter, das Kastaniensammeln und Drachensteigenlassen mit den Kindern genießen. Wir sind nicht mehr gezwungen, draußen aktiv auf dem Laufenden zu sein, sondern dürfen es uns zu Hause ohne schlechtes Gewissen gemütlich machen. Auch unser inneres Wetter kann dann mitunter zu mild herbstlicher Sonnigkeit zurückfinden.


Warum kochen wir gern? (21.10.2021)




Heute können viele Menschen ganz hervorragend kochen, wenngleich das Essen dann nicht unbedingt schmeckt. Wir sind nämlich gern in der Küche rührig, da es ein Ort ist, in dem wir Kontrolle ausüben können. Es liegt in unserer Hand, ob wir in Töpfen und Pfannen unsere Rezepte zum Leben erwecken. Es gibt passionierte Köche, die Gefühle in Gerichte zu wandeln verstehen. Andere hingegen fühlen sich eher qualifiziert, in der Küche letzte Anweisungen zu geben und das Tischdecken zu überwachen.


Warum häufen wir immer mehr Dinge an? (22.10.2021)




Die Ordnung ist bei vielen Menschen ein Chaos, in dem aber viel Arbeit steckt. Besonders in Kellern und Garagen liegen überall Teile und Teile von Teilen, nichts Ganzes. Wir scheuen Entrümpelungen, da sich unsere Vorräte ja noch als nützlich herausstellen könnten und wir einmal Geld dafür bezahlt haben. Wir leben quasi auf der Endmoräne unseres Daseins und schütten wallartig Material unseres Lebens auf. Hier wäre es hilfreich, die Lage einmal von einem Außenstehenden einschätzen zu lassen. Denn wenn man einen Sumpf trocken legen möchte, darf man nicht die Frösche fragen.


Warum sind wir nachtragend? (25.10.2021)




Wir sind nachtragend, wenn wir uns schlecht behandelt fühlen und gleichzeitig der Verursacher noch keine Reue gezeigt hat. Wir können den Groll dann über Jahre hegen. Tragen wir ein gegen uns versprühtes Gift lange nach, führt dies bei uns selbst oft zu einen Innenweltvergiftung. Besser wäre es, wenn die Verletzungen in uns keine Spur hinterlassen. Deshalb sagt man in Weisheitslehren, der wahre Krieger sitze reglos am Fluss und schaue aufs Wasser, bis die Leiche seines Feindes vorbeischwimmt.


Warum feiern wir Feste? (26.10.2021)




Seit jeher werden menschliche Gemeinschaften über Fest- und Rauschzusammenhänge gestiftet. Was uns an Festen fasziniert, ist, dass sie den hergebrachten Verlauf nehmen und deshalb als eine Beständigkeit in unserem Leben wahrgenommen werden können. Nüchtern betrachtet, geben Feste uns den Vorwand für gründliches Essen und Trinken und fungieren deshalb vor allem als Proteinverteilungsrituale.


Warum lieben wir Krimis? (27.10.2021)




Seit der Epoche der Romantik existiert eine beliebte Folklore der Rebellion und Gesetzlosigkeit. Im 19. Jahrhundert etablierte sich dann die Kriminalliteratur und auch heute sind Krimis als Bücher, Filme und Serien populär. Überall werden Verbrechen durch Gedankenarbeit und logisches Schließen aufgeklärt, was die menschliche Freude am Lösen von Rätseln bedient. Zudem faszinieren uns angstbesetzte Situationen, solange wir davon persönlich nicht betroffen sind. Und uns interessiert, wie Täter zum Bösen finden und Ermittler mitunter in eigene Gewissensnöte stürzen. Krimis bieten auch Milieubeschreibungen und befriedigen am Ende durch Ordnung und glatte Lösungen.


Warum schenken wir uns Blumensträuße? (28.10.2021)




Unsere Sonne lockt bekanntlich allerlei Blumen aus den Keimen. In den antiken Kulturen der Ägypter, Griechen und Römer wurden sie zunächst als Opfer- und Grabbeigaben verwendet. Im nördlichen Europa entwickelte sich bei den Germanen der Brauch, dass junge Frauen bei Festen sich mit Kränzen aus frischen Blüten schmückten. Im Barock kamen Blumensträuße als vergängliche Geschenke in Mode, da sie dem damaligen Zeitgeist entsprachen, der das Vergängliche und Jenseitige pries. Und in der Mitte des 19. Jahrhunderts gehörten Blumensträuße sogar zur Wohnungseinrichtung des reichen Bürgertums. Heute überreichen wir uns Sträuße, um uns Aufmerksamkeit zu erweisen, denn Blumen sind das Lächeln der Erde.


Warum hören wir gern Musik? (29.10.2021)




Musik besitzt das Privileg, zu nichts gut sein zu müssen. Man darf sogar die Werke Mozarts und Beethovens nach Belieben parodieren, ohne dass jemand vorbringt, seine musikalischen Gefühle seien verletzt worden. Neben dieser ungewohnten Toleranz verbindet uns Musik innerlich mit anderen Menschen. Denn hören wir zum Beispiel Chart-Hits, dann verleiht uns der Gedanke Auftrieb, dass auf unserem Planeten gerade hundertausende Menschen diese Musik ebenfalls schätzen. In diesem Feld gibt weltweit noch immer das Radio den Ton an.


Warum lachen wir gern? (01.11.2021)




Bei manchen Menschen fragt man sich ja besorgt, wohin ihr Humor sich verflüchtigt hat. Dabei ist Lachen eine grundlegende Kommunikationsform des Menschen, die als Reaktion auf erheiternde Situationen auftritt. Darüber hinaus dient Lachen auch der Entlastung nach überwundenen Gefahren und besitzt zudem die Funktion, drohende soziale Konflikte abzuwenden. Es ist immer schön, Menschen sich einer gelösten Heiterkeit überlassen zu sehen. Wo Humor nicht verstanden wird, befindet man sich in schlechter Gesellschaft.


Warum benutzen wir Fitness-Apps? (02.11.2021)




Fitness-Applikationen und Gadgets erleben Hochkonjunktur. Dem Fortschritt unseres Fitnessprogramms schnallen wir gern eine Schrittzähler-App ans Bein. Der Grund liegt darin, dass es das menschliche Bedürfnis gibt, sich mit Sport selbst zu beeindrucken. Wenn schon andere kaum Notiz von unserem mühsam gestählten Körper nehmen, dann möchten wir es uns wenigstens selbst vor Augen halten können. Stolz stellen wir den elektronischen Pokal auf unser inneres Trophäen-Regal, dass wir eine sportliche Disziplin üben.


Warum haben wir Selbstzweifel? (03.11.2021)




Die meisten Menschen sind besser, als sie selbst von sich denken. Dennoch zögern wir oft in zweifelnder Selbstprüfung. Der Grund liegt darin, dass wir meinen, andere hätten gewissermaßen einen Erfahrungsvorsprung. Da das Leben aber aus improvisierten Reaktionen auf Reize besteht, können uns andere eigentlich nicht wirklich voraus sein, erst recht nicht in unseren ganz persönlichen Angelegenheiten. Wir sollten also davon ausgehen, dass auch unsere Mitmenschen die Mangrovensümpfe der Selbstzweifel durchqueren.


Warum gehen wir gern auswärts essen? (04.11.2021)




Essengehen besitzt natürlich den Vorzug, dass wir uns nicht um Einkauf, Zubereitung und Abtischung kümmern müssen. Darüber hinaus können wir aufwändigere Gerichte bestellen und uns zu neuen Erlebnissen verführen lassen. Hat ein Restaurant der lokalen Kochkunst den Rücken gekehrt und den Ruf einer besonders erlesenen Küche, ist es sogar legitim, unterwegs vor dem Besuch einen Hamburger zu verschlingen, um nicht möglichen Hunger mit kulinarischer Aufmerksamkeit interferieren zu lassen.


Warum beruhigt uns Vogelgezwitscher? (05.11.2021)




In manchen Landstrichen sind Vogelstimmen so reich gemischt, dass selbst die Amsel Mühe hat, für ihre Strophen Gehör zu finden. In anderen Regionen muss man sich glücklich schätzen, wenn zwei Vögel um die Beeren streiten oder auch nur ein Vogel einige Töne trifft. Dennoch wirkt Vogelgesang auf uns beruhigend, da er positive Assoziationen von grünen Landschaften und Naturerlebnissen aus unserer Kindheit herauf beschwört. Außerdem schätzen wir Vögel als schöne Meister der Lüfte, die uns im Winter erlauben, mit Vogelfutter mildtätig zu werden.


Warum schauen wir unsere Lieblingsfilme und -serien mehrfach? (08.11.2021)




Wie jedes Kunstwerk, besitzen Filme und Serien neben ihrem Inhalt immer auch die Komponente der Form. Es interessiert uns also nicht nur das Was der Erzählung, sondern das Wie. In der Kunst entscheidet die Reinheit der Linie. Wenn wir die inhaltlichen Erzählstränge bereits kennen, können wir uns durch wiederholtes Anschauen besser auf Feinheiten des Schauspiels konzentrieren, sowie auf Kostüme und Kulissen, Spezialeffekte, Filmmusik, Kameraführung und Schnitt. Wir Menschen lieben Wiederholungen, wie man bereits Kindern ablesen kann.


Warum sehen wir immer das Schlechte in der Gesellschaft? (09.11.2021)




Manche benötigen den Kulturpessimismus quasi als Sterbehilfe. Sie meinen den Eindruck empfangen zu haben, dass die neue Zeit mit großer Abrissbirne gegen die harmonische Vergangenheit vorgeht. Da die Berichterstattung über Verwerfungen und Misshelligkeiten zwischen Menschen den Ton angibt, glauben wir, dass das Gute im Schwinden begriffen sei. Tatsächlich ist dies aber nur ein Wahrnehmungsfilter, denn in Wirklichkeit kommen die allermeisten Menschen wie eh und je kooperativ und freundlich miteinander in Berührung.


Warum schreiben immer mehr Menschen Bücher? (10.11.2021)




Nach offizieller Statistik des Buchhandels werden in Deutschland jährlich etwa 70.000 neue Bücher veröffentlicht, das sind ca. 200 pro Tag. Diese hohe Zahl weist darauf hin, dass immer mehr Menschen sich berufen fühlen, ihrer Mitwelt die eigenen Gedanken als Druckwerk mitzuteilen. Offenbar gibt es ein geradezu weihnachtlich strahlendes Prestige von Büchern, sodass auch banalste Erlebnisse zu Buche schlagen. Nicht immer wird dem Leser dadurch ein neues Auge eingesetzt. Außerhalb der Belletristik schreiben auch viele Autoren von sachlichen Einführungswerken für die Mit-Unwissenden, die vor dem Substanziellen stehen wie Passanten vor den Vitrinen von Tiffany.


Warum duzen wir uns? (11.11.2021)




Auf den ersten Blick wirkt es wie eine Geste freundschaftlicher Vertrautheit, wenn wir nichtverwandten Menschen das Du anbieten. Wir schlagen dadurch gewissermaßen den Zirkel um sie und zählen sie fortan zu unserem engeren persönlichen Kreis. Dennoch ist psychologisch bemerkenswert, dass wir standardmäßig diejenigen duzen, die wir ein wenig klein halten wollen: in erster Linie sind dies Kinder und alle Tiere, aber wir duzen auch digitale Sprachassistenten und nennen Könige und Päpste bei ihren Vornamen. Unter diesem Blickwinkel ist besonders aufschlussreich, dass wir Gott immer duzen.


Warum lieben wir Konzerte und Musikfestivals? (12.11.2021)




Vor allem junge Menschen drängen sich gern in einer unbestimmten Erlebnisbereitschaft zusammen. Auf Musikkonzerten und Festivals können sie sich euphorischen Gefühlen hingeben, als sei nicht mehr die Schwerkraft bestimmend, sondern die Levitation, also die innere Abhebung. Man konzipiert sich dann quasi nicht mehr als schwere Körper, sondern als ekstatisches Gas. Im Zusammenspiel mit den vielen anderen Fans entsteht so eine Sturzwelle musikalischen Erlebens, die die Rezeptivität überschwemmt.


Warum pflegen wir Traditionen? (15.11.2021)




In der heutigen Zeit verlieren wir mit hoher Geschwindigkeit das Patrimonium an geprägten Gewohnheiten und kulturellen Konstrukten, die uns bisher ausgemacht haben. Immer mehr Menschen fühlen sich freistehend von den hemmenden Fesseln der Tradition. Bei genauer psychologischer Betrachtung sind die meisten Traditionen nämlich Lösungen für längst vergessene Probleme. Dennoch gibt es uns seelischen Halt und stärkt Gemeinschaftsgefühle, an ihnen festzuhalten. Wir interpretieren die Pflege von Traditionen dann innerlich nicht als Aufbewahrung der Asche, sondern als Weitergabe des Feuers.


Warum zerdrücken wir gern Luftpolsterfolie? (18.11.2021)




Alle unsere Fingerkuppen besitzen hunderte Berührungs- und Druckrezeptoren. Sie sorgen dafür, dass unser Tastgefühl hier hochsensibel ist. Beim Zerdrücken von Luftpolsterfolie kommt für den Gegendruck meistens sogar ein zweiter Finger ins Spiel. Das Platzenlassen von Bläschen schenkt uns dann ein kleines Machtgefühl. Die Mischung aus diesem taktil spürbaren Ereignis und dem angenehmen Plopp-Geräusch führt zu autogener Entspannung. Gehen wir systematisch Zeile für Zeile durch, wird auch unser Ordnungsbedürfnis noch befriedigt.


Warum fotografieren wir unser Essen? (19.11.2021)




In früheren Zeiten waren gemeinsame Mahlzeiten in Großfamilie und dörflicher Gemeinschaft keine Seltenheit. Die Menschen aßen damals ihr Fleisch mit sichernden Blicken nach links und rechts. Heute führen wir auch virtuelle Tischgemeinschaften. Wir laden durch soziale Netze gewissermaßen zahlreiche Gäste an unsere Tafel, ohne sie tatsächlich sättigen zu müssen oder uns darum sorgen zu brauchen, dass wir von den besten Stücken nichts abbekommen. Erstaunlicherweise erhalten wir für das im Internet aufgetischte Essen nahezu die gleichen Komplimente in Form von Likes und Kommentaren wie damals am analogen Tisch, nämlich: "Mmh, lecker!"


Warum werden wir mürrisch? (23.11.2021)




Große Teile unseres Lebens bestehen daraus, dass wir etwas zwar wollen, aber dennoch nicht vollbringen sowie dass wir etwas vollbringen, was wir eigentlich gar nicht wollen. Wir werden mürrisch, wenn wir innere Wünsche hegen, jedoch selbst nicht ausreichend dafür tun, sie uns zu erfüllen und stattdessen Dinge tun, die uns nicht gefallen. Deshalb kann es passieren, dass der Anteil der Säuren und Bitterstoffe in unserem Leben zunimmt. Soll er auf ein geringeres Niveau zurückgehen, müssen wir die Süße suchen und das Leben wie ein Stück Zucker auf unserer Zunge wirken lassen.


Warum packen wir einfache Dinge manchmal nicht an? (24.11.2021)




Unsere Blockade gegen das Erledigen einfacher Aufgaben hat ihre Ursache in dem Zuviel von Alternativen. Mehr Wahlmöglichkeiten führen nämlich regelmäßig zu weniger Handeln. Die Motivation kommt jedoch oft erst nach dem Start, nicht vorher. Disziplin bedeutet also sich zu entscheiden zwischen dem, was man jetzt gerade möchte und dem, was man eigentlich noch mehr möchte. Wir sollten uns deshalb die Faustregel geben, alles, was weniger als 5 Minuten dauert, nicht zu verschieben, sondern sofort zu tun.


Warum bewundern wir Schauspieler? (26.11.2021)




Viele Menschen sind bereits damit überfordert, die eigenen Rollen in ihrem Leben ohne substanzielle Abstriche zu verkörpern. Umso größer ist dann unsere Bewunderung für Menschen, denen es gelingt, auch noch in wechselnd fremden Rollen als Schauspieler Figur zu machen. Ein Schauspieler ist übrigens sogar im Privatleben jemand, der einen Blick für Szenen hat. Ich verrate hier noch ein Geheimnis: Die Kunst des großen und mit Preisen überschütteten Schauspielers besteht darin, seine Rollen einfach nur ein bisschen weniger zu spielen als es ein Laiendarsteller machen würde.

Kontaktdaten

  • Praxis Dr. Dirk Baumeier
  • Judith-Auer-Str. 16
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