Beispiele für Medienreferenzen

Beiträge für einen BB-Radio-Podcast
im 2. Quartal 2021



Warum sind wir manchmal durch den Wind? (06.04.2021)




Die Völker alter Kulturen waren dämonengläubig. Wenn wir heute meinen, es in geringerem Maße zu sein, so weil wir die bösen Geister in den Individuen einquartiert haben. In ihnen leben sie als destruktive Impulse weiter. Was man früher "die Dämonen" genannt hat, nehmen wir auch heute noch wahr, nur heißen sie jetzt "die Hormone".


Warum ahmen wir einander nach? (07.04.2021)




Als Herdentiere trauen wir instinktiv dem Urteil von Gruppen und sprechen uns Schwarmintelligenz zu. Wenn Nachbarn und Kollegen ein Produkt oder eine Dienstleistung erwerben, strahlt dies oft auch Anziehungskraft auf uns aus. Durch Nachahmung gerät jedes Verhalten in eine Spur, der dann wieder andere folgen und die sich damit tiefer in den Boden drückt. Übrigens gilt das auch im politischen Bereich: In allen Demokratien hat eine Mehrheit von Wählern die vorbewusste Tendenz, mit der Mehrheit stimmen zu wollen.


Warum sind wir schlechte Beifahrer im Auto? (08.04.2021)




Beim Führen von Kraftfahrzeugen hat jeder einen eigenen Stil. Als Beifahrer fühlt man sich dieser abweichenden Fahrweise ausgeliefert. Wir erinnern wir uns dann bewusst oder unbewusst an unsere damaligen strengen Fahrlehrer, die von diesem Platz aus zurechtweisen und bei heiklen Manövern sogar eingreifen durften. Hinzu kommt, dass uns als Passive daran gelegen ist, diese Lage möglichst schnell zu verlassen und zum Ziel der Navigation zu gelangen. Aus Sicht des Beifahrers stehen innerlich alle Ampeln auf Grün.


Warum akzeptieren wir bei Luxusgütern überteuerte Preise? (09.04.2021)




Käufer von Luxusgütern sind zwar entschlossen, in ihnen eine überragende Qualität sehen zu wollen, jedoch besteht der Sinn dieser Produkte gerade darin, sich von denjenigen Menschen abzugrenzen, die sie nicht erschwingen können. Diese materielle Arroganz wird augenfällig, wenn Schmuck umfangreich angebracht ist oder ein Wagen vor dem Haus steht, der auf eine erfreuliche Vermögenslage schließen lässt. Generell kann man sagen, dass hohe Kosten dazu verleiten, dasjenige gut zu finden, wofür man sich entschieden hat.


Warum hören wir Radio? (12.04.2021)




Unser Gehirn prüft permanent: Besteht gerade irgendeine akute Gefahr oder kann ich mich ein bisschen entspannen? Sobald Musik an meine Ohren dringt oder ich eine schöne Moderatorenstimme höre, meldet mein Gehirn, dass um mich herum eigentlich eine recht annehmbare Welt existiert und schaltet mich automatisch einen Gang herunter. Radiohören ist also Psychohygiene.


Warum bleiben wir Optimisten? (13.04.2021)




Die meisten Menschen sind gewissermaßen auf dem zweiten Bildungsweg zu Optimisten geworden. Die Lebenserfahrung lehrt nämlich, dass pessimistische Prognosen durch den Lauf der Dinge nie bestätigt werden. Es kommt zwar nie so gut wie von den blauäugigsten Optimisten erhofft, aber auch nie so schlecht wie von den Pessimisten befürchtet. Im Regelfall pegelt sich das Leben tatsächlich auf eine gesunde Mitte ein.


Warum macht Superreichtum nicht glücklich? (14.04.2021)




Der Ausdruck "wunschlos glücklich" ist irreführend, denn Wunschlosigkeit löst ihr sprichwörtliches Glücksversprechen kaum je ein. In Wirklichkeit ist ein luxuriöses Leben oft unbefriedigend, da es kein sinnvolles Ziel besitzt. Beispielsweise benötigt man für eine klassische 18-Loch-Golfrunde ca. viereinhalb Stunden; damit ist noch nicht genug Zeit totgeschlagen. Und ist man mit der eigenen Yacht auf dem Mittelmeer unterwegs, steuert man ja doch nur immer wieder die gleichen drei, vier Lieblingsrestaurants in Monaco oder Saint-Tropez an.


Warum ändern wir uns kaum? (15.04.2021)




Wir werden durch früheste Erfahrungen geprägt. Sobald wir in Kindheit und Jugend eine Charakter- und Verhaltensschablone gefunden haben, die für uns funktioniert, halten wir am vermeintlich Bewährten fest und haben keinen Änderungsbedarf. Oft stricken wir also zeitlebens an den angefangenen Strümpfen weiter. Nur durch ein Wunder würde dann auf ihnen zufällig ein unvorhergesehenes Muster entstehen.


Warum bewahren wir Krimskrams auf? (16.04.2021)




Unser Gedächtnis zeichnet sich durch Lücken aus. Sobald es ins Straucheln kommt, sind wir froh, wenn uns Gegenstände vorliegen, die ihm auf die Sprünge helfen. Erleben wir etwas Besonderes, möchten wir ihm Dauer verleihen, indem wir ein Andenken als Mitbringsel in die Zukunft hinein retten. Je älter wir werden, desto stärker erinnert unsere Wohnung an die Asservatenkammer eines abgedankten Staatschefs.


Warum brauchen wir Freunde? (19.04.2021)




Freundschaften sind Bündnisse gegen die Zerbrechlichkeit des Lebens. Aus psychologischer Perspektive sind Freunde demnach Mitwisser in Fragen des Älterwerdens. Sie begleiten uns auf parallelen Lebenswegen und ermöglichen wechselseitige soziale Interaktion. Allerdings zeigt sich oft: Fünf Freunde bedeuten Lebensfreude, zehn Freunde bedeuten Kalenderstress, zwanzig Freunde führen ins Burnout.


Warum glauben wir an Dies und Das? (20.04.2021)




Glauben ist eine anthropologische Grundkonstante. Was ich glaube, gibt mir Halt, da ich es nicht geistig durcharbeiten muss. An etwas zu glauben, ist also auch ein Akt von Bequemlichkeit, die aufzugeben wir oft keine Veranlassung sehen. Wir suchen unter denjenigen Bildern Zuflucht, die sich nach unserem Dafürhalten bewährt haben. Gegenläufige Erfahrungen fallen gern aus dem Kreis unserer Aufmerksamkeit oder sind an die Peripherie gedrängt.


Warum haben wir One-Night-Stands? (21.04.2021)




Klassische Wege der Pflege von Partnerschaften sind oft langwierig und mühsam. Zudem suchen Menschen zuweilen nach besonderen Erlebnissen und Bestätigungen ihres Marktwertes. Um dies zu erreichen, genügt es manchen Männern, sich in wechselnden Frauen zu erschöpfen. Und manche Frauen finden es reizvoll, einen Mann, den sie kaum kennen, auf sich wirken zu lassen.


Warum gehen wir ohne Smartphones nicht aus dem Haus? (22.04.2021)




Den Menschen liegen ihre Handys nah. Der Reiz besteht darin, dass wir unsere Körper quasi zu Sende- und Empfangsstationen für die weite Welt verlängern. Ein solches Verbundensein mit beliebigen Artgenossen in der Ferne ist ein evolutionäres Novum, das unsere Lebens-Chancen erhöht und sich deshalb rasch durchgesetzt hat. Weltweit sprechen bereits Teenager ihrem Handy zu. Aber auch unter uns Erwachsenen liegen die Smartphones oft wie Pistolen auf dem Tisch, mit denen man den Tischgenossen bei jedem eintreffenden Anruf ins kommunikative Aus schießen kann.


Warum bringt uns partnerschaftlicher Streit nicht weiter? (23.04.2021)




Viele Paare sind in ihrem Streit gut eingespielt. Sie redet an ihm vorbei, er über sie weg. Aber wer das Haar sucht, dem entgeht die Suppe. Man kann über jeder Suppe, auch der partnerschaftlichen, solange den Kopf schütteln, bis ein Haar darin liegt. Was mache ich aber, wenn ich in einer an sich schmackhaften Suppe ein Haar finde? Ich lasse mich davon nicht stören, fische es heraus und löffele trotzdem die Suppe genüsslich weiter.


Warum sehen wir rote Teppiche für Stars vor? (26.04.2021)




Bereits in der Antike kannte man rote Teppiche, die damals eher rotviolett aussahen. Die Farbe Purpur war der kostbarste Farbstoff der Welt und musste in wochenlanger Arbeit aus dem Sekret der Purpur-Schnecke gewonnen werden. Folgerichtig war sie zum Bekleiden und Betreten nur den obersten Herrschern vorbehalten, um deren Macht und Bedeutung hervor zu kehren. Heute gibt es uns Stoff zum Nachsinnen, wenn von einem Star gesagt wird: Er ist immer auf dem roten Teppich geblieben.


Warum können wir Glück kaum genießen? (27.04.2021)




Wir Europäer haben zweitausend Jahre Welt- und Lebensverneinung im Rücken. Durch unsere kulturellen Traditionen sind wie darauf geprägt, das unglückliche Bewusstsein zu überhöhen und auf das glückliche wie auf eine Kinderei herab zu blicken. Deshalb laufen viele Menschen dem Glück hinterher und merken nicht, dass in Wirklichkeit das Glück hinter ihnen herläuft und sie nicht einholen kann. Übrigens: Wer das große Glück sucht, dem entgeht das kleine.


Warum haben wir Angst etwas zu verpassen? (28.04.2021)




Viele Menschen werden von Versäumnisangst geplagt. Dahinter steckt die letztlich irrige Vorstellung, es gäbe in der Welt noch völlig Neues und Nie-Dagewesenes, das uns entgehen könnte. Uns beunruhigt dann der Gedanke, das womöglich Beste läge bislang noch außerhalb unseres Frequenzspektrums. Die positive psychologische Wahrheit ist jedoch: Jeder, der diese Welt gesehen hat, hat eigentlich alles gesehen, was typischerweise zu sehen ist.


Warum treiben wir Freizeitsport? (29.04.2021)




Die meisten modernen Menschen sind von schwerer körperlicher Arbeit freigestellt. Dadurch entstehen Energieüberschüsse, die verausgabt werden wollen. Das System des Freizeitsportes hat sich hier zu einem Multiversum mit hunderten von Nebenwelten entfaltet. Darin feiern die selbstbezügliche Bewegung, das nutzlose Spiel, die unaufgeforderte Verausgabung und der simulierte Kampf einigermaßen mutwillig ihr Dasein. Beim Sport können wir also die Anstrengung in den Dienst des Überflüssigen stellen.


Warum sehen wir nur, was wir sehen wollen? (30.04.2021)




Im Laufe unseres Lebens haben wir gelernt, für uns selbst überall Wahrnehmungs- und Benutzeroberflächen herzustellen. Jede neue Erfahrung möchte in bereits vorhandene Denkmuster integriert werden. Wir sind übrigens eher bereit, eine ungefällige Tatsache zu leugnen statt unser bisheriges Denk- und Wertesystem in Frage zu stellen. Aber bekanntlich ist auch hinter dem Berg noch Welt.


Warum verreisen wir gern? (03.05.2021)




Urlaub ist die ekstatische Konzentration der Freizeit. Um unser Bedürfnis nach Tapetenwechseln und ungewohnten Eindrücken zu bedienen, schaufeln uns Reiseunternehmen preiswert in Gruppen an sonnige Strände oder zu Bildungsruinen. Nüchtern betrachtet, wird auch bei anspruchsvollen Reisezielen letztlich Biomasse durch Kulturmasse geschleust. Dennoch reisen wir nicht, um aus dem Leben zu fliehen, sondern damit das Leben nicht aus uns flieht.


Warum irritieren uns Komplimente? (04.05.2021)




In unserer Kultur kritisieren wir alles gern, aber loben meist nur beiläufig und sind mit Zuspruch eher zurückhaltend. Aus diesem Grund misstrauen wir Komplimenten und suchen sie aus Unsicherheit sogar nach versteckten Ironie-Signalen ab. Interessant ist: Befinden wir uns in einer Lebensphase der Stärke, hören wir auch über verdiente Komplimente hinweg. Sind wir jedoch in einer Lebensphase der Schwäche, lassen wir selbst die sinnlosesten Schmeicheleien auf uns wirken.


Warum können wir schlecht "Nein" sagen? (05.05.2021)




Wir sind bemüht, unsere Mitmenschen nicht zu enttäuschen. Um sie uns gewogen zu halten, schlagen wir ihre Bitten nur ungern aus. Dennoch mag es vielleicht überraschen, dass ich als Psychologe sage: In einem "Ja" steckt wesentlich mehr Kraft als in einem "Nein". Wer ein großes Nein in sich trägt, dem fehlt es im Leben häufiger an Harmonie. Manche verbrauchen dann auch Psychotherapeuten wie ein Kettenraucher.


Warum folgen wir der Bekleidungsmode? (06.05.2021)




Natürlich gibt es Menschen, die der Mode ihrer Jugend nicht untreu geworden sind. Dennoch lassen wir uns gern von neuen Kollektionen verzaubern. Sobald wir Trends folgen, empfinden wir uns als lebendige Teilnehmer einer dynamischen Kultur und können unsere Wandelbarkeit beweisen. Man kann seiner Lebensfreude also auch dadurch Ausdruck geben, indem man sich modisch kleidet.


Warum leben wir oft ungesund? (07.05.2021)




Die Lebensspanne rollt sich vor uns aus wie ein rissiges Seil, dessen Enden sich im Grau verlieren. Da wir nie genau wissen können, ob und wie sich eine anstrengende gesunde Lebensweise auf unsere konkrete Lebenserwartung auswirken würde, schlagen wir den Weg der Bequemlichkeit und des Genusses ein. Intuitiv ahnen wir: Gesundheit ist lediglich die langsamste Form zu sterben. Deshalb zählen nicht die Jahre in unserem Leben, sondern es zählt das Leben in unseren Jahren.


Warum finden wir Minimalismus attraktiv? (10.05.2021)




Seit geraumer Zeit streben immer mehr Menschen nach einer Reduzierung von Komplexität. Wir glauben nämlich, uns auf das wirklich Wesentliche besinnen zu können durch Verzicht auf unnötige Dinge und durch klare Linien in allem. Obwohl dies auf den ersten Blick weise erscheint, ist Minimalismus wahrscheinlich dennoch eine Sackgasse. Denn der extreme Schlusspunkt wäre das Gehirn in einer Nährlösung. Außerdem gebe ich als Psychologe zu bedenken: Dass weniger mehr ist, gilt nur für den, der viel hat.


Warum verschätzen wir uns beim Alter von Fremden? (11.05.2021)




Wir wünschen uns, dass unser Äußeres eine ausdauernde Jugendlichkeit behält. Tatsächlich arbeitet aber das Alter an unserem Gesicht wie ein unzufriedener Bildhauer. Dass wir uns dennoch bei Fremden um mehr als 10 Jahre verschätzen können, hängt mit unserer ganzheitlichen Wahrnehmung von Gesichtern zusammen. Wir registrieren kaum ihre Details, sondern lassen sie als Einheit auf uns wirken. Deshalb werden junge Menschen älter und alte Menschen jünger geschätzt als sie es sind.


Warum schieben wir unangenehme Dinge auf? (12.05.2021)




Zuweilen meinen wir, das zart Schwebende unserer Existenz würde verbieten, es mit der Wirklichkeit aufzunehmen. Wir sehen uns dann außer Stande, das Notwendige anzupacken. Der Mensch ist dasjenige Wesen, das am liebsten sagt: "Ich konnte nicht anders!" Es gibt also auch einen Willen zur Ohnmacht. In der objektiven Realität wäre unsere Energie natürlich auch ausreichend für das Erledigen unangenehmer Handlungen.


Warum wünschen wir uns freundlichen Service? (14.05.2021)




Beim Erwerb einer Ware oder Dienstleistung scheint es auf den ersten Blick ja zweitrangig, ob wir dabei vom Verkaufspersonal angelächelt werden oder nicht. Dennoch bedeutet ein Kaufvorgang immer auch eine wechselseitige Wertschätzung unserer sozialen Rollen. Werden wir in guter Form bedient, fällt uns die Erlegung des Preises leichter, wenngleich man sich vor Übertreibungen hüten sollte: Laufen wir beim Kauf eines neuen Handys durch ein Spalier applaudierender Store-Mitarbeiter, werden wir womöglich veräppelt.


Warum können wir immer immer schlechter mit Rauchern umgehen? (17.05.2021)




Unsere Gesellschaft idealisiert zunehmend eine gesunde Lebensweise. Psychologisch erscheint uns Rauchen jetzt wie eine Geste der Selbstzerstörung und deshalb weniger erträglich. Zwar gibt es von der Gegenseite entschlossene Versuche, dem Rauchen in Spezial-Boutiquen eine Aura kosmopolitischer Eleganz zu verleihen. Typischerweise werden jedoch Raucher etwa auf Flughäfen in Raucherkabinen gebündelt und den Kindern öffentlich zur Warnung vorgesetzt, wie im 17. Jahrhundert die Wahnsinnigen hinter Eisenstäben.


Warum schlagen wir uns nicht die Köpfe ein? (18.05.2021)




Im Normalfall gehen wir gesittet miteinander um. Kultur entsteht, indem Sexualität und Aggressivität in Spielform überführt werden. Im Tierreich ist beispielsweise die fortwährende sexuelle Belästigung der weiblichen Tiere durch die männlichen noch immer virulent. Uns Menschen ist es jedoch gelungen, die Sexualität zu einem Spiel der Geschlechter nach komplizierten sozialen Regeln zu machen. Und für die Eindämmung unsere Aggressionen haben wir die Drohungen des Strafrechts erfunden und lagern aggressive Impulse zum Beispiel in das Feld des sportlichen Wettkampfs aus.


Warum sind wir intelligente Wesen? (19.05.2021)




Intelligenz ist die Fähigkeit zum Lösen neuer Denkaufgaben. Wir benötigen sie immer wieder, da menschliches Leben vielschichtige Anforderungen stellt und uns auch in komplizierte soziale Rollen drängt. Deshalb gibt es selbst für geistig durchschnittlich Ausgestattete noch das Trostpflaster der emotionalen Intelligenz. Nach 25-jähriger Berufserfahrung als Psychologe würde ich heute aber folgendes resümieren: Intelligenz ist Ignoranz gegenüber dem Irrelevanten.


Warum werden wir engstirnig mit dem Älterwerden? (20.05.2021)




Je älter wir werden, desto überzeugter sind wir von der Richtigkeit unserer Lebensauffassungen. Wir lassen dann nur noch gelten, was wir ohnehin schon zu wissen glauben und zeigen eine von Altersrücksichtslosigkeit kaum mehr unterscheidbare Urteilsfreudigkeit. Wie große Pflanzen unterliegen nämlich auch Menschen der Gefahr der Verholzung. Manche Menschen werden deshalb im Alter steif und knorrig wie alte Olivenbäume.


Warum macht uns ein Überangebot von Waren nicht zufrieden? (21.05.2021)




In unserer entfalteten Konsumsphäre sind es bekanntlich die Angebote, die reichlich sind, während die nachfragefähigen Bedürfnisse sich immer mehr als Knappheiten präsentieren. Wäre es anders, würde es keinen so starken Wettbewerb um die Bewirtschaftung von echten Notlagen geben. Der Mangel ist also zu einem knappen Gut geworden. Und im tiefsten Herzen wollen wir das Rare und nicht das, was man überall bekommen kann.


Warum lieben wir Zimmerpflanzen? (25.05.2021)




Haben wir unser Zuhause mit kühlem Verzicht auf Behagen und Traulichkeit eingerichtet, fühlen wir uns darin nicht wohl. Unser Auge sucht dann nach entspannendem Grün. Sobald wir Pflanzen bei uns aufnehmen, lebt unsere Wohnung auf. Im tiefsten Herzen sind wir Menschen empfänglich für Pflanzen, deren bescheidenes stilles Leben und langsames Wachstum dem unseren Ruhe gibt.


Warum wollen wir immer größere Wohnungen? (26.05.2021)




Das Wohnumfeld ist Ausdruck unserer Verhältnisse. Mit wachsendem materiellen Wohlstand meinen wir, wir bräuchten mehr Platz, um unserer Blüte eine angemessene Aura zu geben. Wenn uns damals als Kinder in einer knapp bemessenen Wohnung nur wenig Spielraum blieb und wir auch als junge Erwachsene unser Leben noch mit geringen Mitteln bestreiten mussten, glauben wir später, wir hätten bei der Wohnfläche nun Steigerungen verdient.


Warum reden wir zu viel? (27.05.2021)




Wir Menschen sind durch eine übertriebene Mitteilsamkeit charakterisiert. Wir sind bemüht, Konversationen nicht abreißen zu lassen, da auch unsere innere Rede mäandernd weiter läuft. Als sprachmächtige Wesen kann sich in uns eine Wörterflut stauen, sodass manchen die Sprache als eine Art Durchfall erwischt. Aber bereits Goethe hat erkannt: Wer vor anderen lange allein spricht, ohne den Zuhörern zu schmeicheln, erregt Widerwillen.


Warum gehen wir zuweilen ähnliche berufliche Wege wie unsere Eltern? (28.05.2021)




In früheren Zeiten ergriff ein Kind zumeist den Beruf des Vaters. Der Sohn des Müllers wurde wie selbstverständlich mit den Gegebenheiten der Mühle vertraut gemacht und das Kind des Schusters blieb bei den Leisten. Auch heute ahmen viele von uns unbewusst noch das Arbeitsmilieu der Eltern nach, da wir es als Feld ihrer größten Kompetenz erlebt haben. Als Gegengewicht gibt es aber auch den Ehrgeiz mancher Eltern, ihr schwach durchblutetes Kind zum Geschäftsführer zu erigieren.


Warum meckern wir gern? (31.05.2021)




Unser Volk ist im Murren geübt. Wenn wir meckern, verschaffen wir uns ein Gefühl von Überlegenheit, denn über Dinge, die wir ablehnen, glauben wir ja Urteile fällen zu können. Diese Sicht erzeugt das deutsche Wetter, das landesübliche Grau. Schon Heinrich Heine konnte ein Lied davon singen. Psychologisch ist es wesentlich leichter, etwas zu missbilligen als ihm zuzustimmen. Bei Rainer Maria Rilke fallen bekanntlich sogar Blätter mit verneinender Gebärde.


Warum haben wir oft falsche Vorstellungen vom Ruhestand? (01.06.2021)




Demografisch gesehen sind alte Leute gewaltig im Kommen. Die Werbung zeigt uns dabei gut erhaltene Paare auf störungsfreier Kreuzfahrt oder in milder Parkbank-Erotik. In der Realität stellt sich im Alter aber nicht automatisch Sorglosigkeit ein und manche Hoffnungen legen sich schon aus gesundheitlichen Gründen schlafen. Auf der anderen Seite kann der Ruhestand aber eine viel schönere Lebensperiode als erwartet sein, da sich ein Gefühl von Genugtuung einstellt, wenn man schon viel hinter sich gebracht hat.


Warum reden wir gern über das Wetter? (02.06.2021)




Wir alle sehen uns wechselndem Wetter ausgesetzt. Da wir es nicht wirklich beeinflussen können, machen wir nie einen Fehler, es zu beschreiben und zu bewerten. Das Wetter ist über alle Berufsgruppen hinweg ein perfektes Konversationsthema. Ob die Sonne über dem Grase brütet oder Regen uns zögern lässt, das Freie aufzusuchen - jeder hat genügend Wettererfahrung und darf demnach gleichberechtigt mitreden.


Warum essen wir zu viel? (03.06.2021)




Die meisten Menschen essen ohne allzu viel Widerwillen. Bereits im alten China sagte man: Das Essen ist der Himmel des Volkes. Wir nehmen aber nicht nur dann mehr Nahrung als benötigt auf, wenn Mahlzeiten rasch verabfolgt werden, sondern eigentlich auch dann, wenn wir gesundheitsbewusst nur eine Möhre kürzen oder einen Apfel krachen lassen. Ein psychologischer Grund liegt darin, dass die Meinungen der Menschen sich nach Mahlzeiten ändern. Durch Essen geben wir unbewusst also unseren Gedanken neue Richtung. Deshalb gibt es übrigens auch Diplomaten-Bankette.


Warum sind für uns Gerüche wichtig? (04.06.2021)




In der Luft schweben Duftmoleküle, die zu den Riechzellen unserer Nase gelangen. Dort docken sie an 350 unterschiedliche Rezeptortypen an, deren Eindrücke sich kombinieren und an unser Gehirn geleitet werden. Wir selbst geben auch Duftstoffe für unsere Artgenossen ab, die Pheromone, die unbewusst Hormone und Emotionen auslösen. Durch die enge Verzahnung des Riechens mit unseren Gefühlen bedarf es oft nur einer flüchtigen Geruchsprobe, um die Nase voll zu haben.


Warum hören wir manchmal nicht zu? (07.06.2021)




Obschon manche Menschen immer redetüchtig bleiben, stellen sich ergebene Zuhörer nicht automatisch ein. Befinden wir uns nämlich in einer elegischen Stimmung oder hängen eigenen starken Gedanken nach, reichen unsere kognitiven Kapazitäten nicht mehr aus, anderen zuzuhören. Wie es im Märchen die Tarnkappe gibt, so gibt es also im wirklichen Leben die Erscheinungskappe, die uns sichtbar macht, obwohl wir eigentlich nicht da sind.


Warum sind wir selbstkritisch? (08.06.2021)




Auf den ersten Blick wirkt es ja bescheiden und sympathisch, wenn wir uns selbstkritisch geben. Tatsächlich öffnet Selbstkritik jedoch den Zugang zum Eigensinn. Durch das Einräumen eines Fehlers als persönliche Schwäche rufen wir für sein erneutes Auftreten quasi im voraus um Verzeihung an. Interessanterweise gilt dies auch für unsere eigene Psyche. Was immer wir großmütig mit Selbstkritik markieren, können wir anschließend fortsetzen und als Marotte pflegen.


Warum brauchen wir Vorbilder? (09.06.2021)




Zwischen uns Menschen existieren Vertikalspannungen. Das heißt, wir orientieren uns nach oben und nehmen einzelne Artgenossen als Vorbilder in den Blick, die schon mehr erreicht haben als wir selbst. Wir benötigen sie als Inspiration oder Schablone für unsere eigenen Veränderungsbemühungen. Im Internet nennen wir Beobachter witzigerweise Follower. Gottlob denken von denen aber die meisten keine Sekunde lang daran, dem Star, dessen "Seite" sie besuchen, in irgend einer Weise zu "folgen".


Warum verwenden wir Ironie? (10.06.2021)




Ironie ist ein feiner Spott, mit dem wir etwas dadurch zu treffen suchen, wenn wir es unter dem augenfälligen Schein der eigenen Billigung lächerlich machen. Durch eine distanzierte, das Zeitgeschehen ironisch relativierende Weltbetrachtung geben wir uns einem Gefühl von Überlegenheit hin. Die Haltung liberaler Ironie gegenüber allem Ernstgemeinten ist aber leicht nachahmbar und entspricht in etwa der Einstellung des Kunden, der über den Markt spaziert, ohne zu kaufen. Ironische Geringschätzung ist also ein Kompromiss zwischen Anpassung und Subversion.


Warum träumen manche vom ewigen Leben? (11.06.2021)




In letzter Zeit hört man immer öfter von Forschungen vor allem aus dem Silicon Valley, bei denen unsere Alterungsprozesse gestoppt werden sollen durch genetische Eingriffe, neue Medikamente und Nanoroboter für Zellreparaturen. Offenbar sehen diese Forscher den Tod ungern und versprechen sich unaufhörliches Glück durch frivole Langlebigkeit. Bei psychologischer Betrachtung ist es eigentlich bedeutungslos, unsterblich zu sein. Vom Menschen abgesehen sind es alle anderen Geschöpfe nämlich bereits, da sie vermutlich das eigene Altern nicht erfassen.


Warum weinen wir Freudentränen? (14.06.2021)




Entgegen landläufiger Meinung, ist Weinen gar kein Ausdruck von Trauer, sondern von Machtlosigkeit. Sobald wir uns ohnmächtig gegenüber starken emotionalen Momenten fühlen, versucht der Hypothalamus im Gehirn, uns an diese Belastung anzupassen. Tränen können dann das emotionale Gleichgewicht wieder herstellen, weil sie Gefühle quasi in Körperreaktionen umwandeln und abfließen lassen. Einige Menschen bleiben dann jedoch auf ihren Tränensäcken sitzen.


Warum sind wir gern im Wald? (15.06.2021)




Der moderne Mensch empfindet sich nicht mehr als Bewohner der Natur, sondern als ihr Deserteur. Dennoch tragen wir unser altes evolutionäres Erbe als Waldwesen in uns und versuchen uns mit ihm wieder zu verbinden. Wo wir hausen, grenzt Wald an. Von Zeit zu Zeit möchten wir ihn betreten, da wir ihn als offenen Neugier- und Überraschungsraum betrachten wollen. In Deutschland muss es uns natürlich noch gelingen, den strammgestandenen Kiefern und Fichten ihr Preußentum auszutreiben.


Warum haben wir ein angespanntes Verhältnis zu unseren Schwiegereltern? (16.06.2021)




Psychologisch muss man unterscheiden zwischen der naturwüchsigen Familie und der erworbenen. Mit unserer eigenen Herkunftsfamilie teilen wir gemeinsame Gene und sind einander seit Jahrzehnten vertraut. Die Schwiegereltern hingegen beurteilen wir nicht nur aufgrund unserer eigenen Erfahrungen, sondern auch durch Erzählungen mit der Brille unseres Partners. Wir befinden uns dann in einem Loyalitätskonflikt zwischen der kritischen Sichtweise unseres Partners und unserem eigenen Eindruck von eigentlich recht netten Leuten.


Warum gucken wir manchmal grimmig? (17.06.2021)




In unseren Gesichtern spiegeln sich innere Vorgänge wider. Sobald wir aus einem Zustand der Entspannung in den von sorgenvoller Gedankentätigkeit umschalten, verfinstert sich unsere Mine alttestamentarisch. Die zahlreichen Gesichtsmuskeln zeigen aber nicht nur unsere Emotionen, sondern auch den körperlichen Gesamtzustand. Ballen wir unsere Fäuste, ballt sich auch unser Gesicht und erweckt faltig den Eindruck, als prüfe es hinter der Stirn eine komplizierte Rechnung, die nicht aufgehen will. Öffnen wir dann langsam unsere Handflächen, entspannt sich gleichzeitig unsere Mimik.


Warum entwickeln wir ständig Theorien? (18.06.2021)




In unserem Bemühen, die Welt zu verstehen und für uns handlich zu machen, erschafft unser Geist ständig Konstrukte. Dabei kümmern sich oft die Naturwissenschaften um die lösbaren Probleme und die Geisteswissenschaften um die unlösbaren. Manche ihrer Theorien sind sogar so kompliziert formuliert, sodass man lange braucht um zu begreifen, dass sie zu einfach sind. Theoretisch hat hier Theorie etwas mit Praxis zu tun, praktisch aber nicht.


Warum lassen sich einstmalige Partnerschaften schlecht aufwärmen? (21.06.2021)




Ist uns eine Partnerschaft misslungen oder sind wir gar in die Ehefalle getappt, bleibt auch nach deren Ende die Spur der Probleme miteinander bestehen. Die Trennung erfolgte ja nicht grundlos. Hatten wir beispielsweise eine anhaltend strittige Beziehung geführt oder damals den ganzen Winter hindurch Mühe gehabt, mit einer Psychotherapie unserer zerrütteten Ehe nachzukommen, dürfen wir nicht erwarten, dass beim zweiten Versuch alles auf Null gesetzt werden kann. Dafür ändern sich Menschen zu wenig.


Warum singen wir Nationalhymnen? (22.06.2021)




Nationalhymnen sollten im 19. Jahrhundert Freiheitspathos und Gemeinschaftsgefühle beschwören. Heute fällt bei Sportturnieren auf, dass Athleten aus Südamerika ihre Hymnen mit einer Hingabe schmettern, als seien die heroischen Werte von Freiheit und Unabhängigkeit von ihnen noch in unmittelbarer Zukunft zu erobern. Franzosen, Engländer und Amerikaner hingegen sehen beim Hymnensingen eher wie säkulare Mönche im Morgengebet aus - ohne Ekstase, aber mit republikanischer Würde. Deutsche Sportler wirken in dieser Situation oft, als hätte ihnen jemand empfohlen, mit nachdenklicher Miene und verhaltenen Lippenbewegungen die Tiefe des Textes auszuloten.


Warum haben wir Mitleid? (23.06.2021)




Durch Spiegelneuronen im Gehirn vermögen wir als Beobachter uns in das Leid von Mitmenschen einzufühlen. Zudem existiert seit der Epoche der Aufklärung eine Assoziation zwischen Rollen wirtschaftlicher oder sozialhierarchischer Unterlegenheit und einem moralischen Bonus mit der Behauptung, Leiden verdiene Mitleid und Unterstützung. Beispielsweise sollen die Gesichter von Bettlern einen überwältigenden Grad von Not in den Vordergrund zu rücken. Das ist quasi ihr Beruf. Ob diese Gesichter vielleicht die Masken eines in Wirklichkeit mehr oder weniger mühelosen Geldverdienens sind, ist nicht entscheidend, denn ihnen geht es auf jeden Fall schlechter als uns.


Warum bemerken wir Frisurveränderungen beim Partner kaum? (24.06.2021)




Unsere Gesichterwahrnehmung ist immer ganzheitlich und darauf gerichtet, Menschen wieder zu erkennen und deren Emotionen zu erfassen. Hierfür spielt die Frisur faktisch keine Rolle, weshalb wir sie nur mit flüchtigem Blick registrieren. Eigentlich ist es also eine fast überflüssige Verausgabung, mit unseren Haaren beschäftigt zu sein. Ob wir glättend darüber streichen oder unser Witterhaar wie Seeleninneres aufgewühlt ist: Für unsere Mitwelt macht es kaum einen Unterschied und unser Haar gefällt sich in immer neuen Zufällen.


Warum schleichen sich manche aus Beziehungen? (25.06.2021)




Das stille Ausschleichen aus Beziehungen hat seine Ursache in der Furcht mancher Menschen, eine gewünschte Trennung offen zu kommunizieren. Aus Scham oder Angst vor den Reaktionen des Partners möchte man beim Ghosting wie ein Geist verschwinden. Soll eine Beziehung keinen Bestand mehr haben, machen sich manche einfach aus dem Staub, da sie sich scheuen, die in der Beziehung entstandenen Misshelligkeiten zu reflektieren.


Warum schießen wir ständig Fotos? (28.06.2021)




In vergleichsweise kurzer Zeit haben es Smartphones geschafft, zu unseren treuesten Begleitern zu werden. Seit sich uns jederzeit eine Kamera-App öffnet, fotografieren wir fast habituell. Letztlich handelt es sich hier um elektronische Erinnerungsproduktion. Denn Menschen neigen dazu, bestimmten Momenten im Erleben eine besondere Bedeutung zuzuweisen und diese später erneut abrufen zu wollen. In gespeicherten Wahrnehmungen erfüllt sich der archaische und nie verblasste Versuch, das existenzielle Gesetz von der Unumkehrbarkeit der Zeit aufzuheben.


Warum wollen wir die Natur beherrschen? (29.06.2021)




Indem wir der Natur zusetzen, können wir uns der Illusion hingeben, wir seien als Krone der Schöpfung wirkmächtig, sie unserem Willen zu unterwerfen. So haben wir durch das Ausbringen von Kunstdünger unser Getreide von Drogen abhängig gemacht. Aber auch in der Tierhaltung möchten wir der Natur beikommen, beispielsweise Legeprozesse rationalisieren und am liebsten das würfelförmige Huhn züchten. Letztlich steckt dahinter also auch unser Hunger nach Macht.


Warum lesen wir Horoskope? (30.06.2021)




Wir lieben es, uns von höheren Mächten umgeben zu glauben. Lesen wir Horoskope, suchen wir darin Lobpreisungen für unsere Stärken und Rechtfertigungen für unsere Schwächen. Ich selbst bin beispielsweise nicht wiedergeboren, sondern widdergeboren. Das heißt, ich erblickte im Monat April, vom Widder gestoßen, das Licht dieser Welt. Wenn ich mir dessen Charakteristika zuschreibe, dann kann ich mich als Juniorpartner des Universums wichtig nehmen. Horoskope bedeuten für uns also die Indienstnahme der Himmelskörper als persönliche Konjunkturbarometer.

Kontaktdaten

  • Praxis Dr. Dirk Baumeier
  • Judith-Auer-Str. 16
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