Beispiele für Medienreferenzen

Im aktuellen Jahr 2021 strahlt BB Radio Länderwelle Berlin/Brandenburg die Rubrik "Warum sind wir so?" aus, in der ich jeden Tag mit der kurzen Beantwortung von psychologischen Fragen auf Sendung bin und die auch als Podcast verfügbar ist. In den bewusst heiteren Formulierungen möchte ich einmal einen Gegenentwurf zum populären einfachen Deutsch bieten.



Warum sind wir eifersüchtig? (11.01.2021)




Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft. Sobald wir nach Anhaltspunkten für ein mögliches Fremdgehen unseres Partners Ausschau halten, machen wir uns selbst klein und einen potenziellen Nebenbuhler groß. Hier hilft es, sich selbst aufzurichten und sich klar zu machen, dass die Gründe des Partners, immer noch bei mir zu sein, triftig sind.


Warum protzen wir mit großen Autos? (12.01.2021)




Die beliebte Einheit von Mensch und Fahrzeug ist letztlich ein kentaurisches Motiv. Das heißt, es existieren Ähnlichkeiten mit dem mythologischen Fabelwesen eines Zentaurus, eines Mischwesens aus Mensch und Pferd. Auch beim Autofahren reiten wir ja auf einer größeren animalischen Energie und verwandeln uns quasi zum Hybridwesen mit menschlicher Front und Pferdeunterleib. Je mehr PS, desto kraftvoller spüren wir uns unter der Haube und geben damit an.


Warum applaudieren wir? (13.01.2021)




Bringen wir gemeinsam den Salut unserer Hände dar, dann wollen wir vergleichsweise anonym eine Leistung würdigen. An unserer gewöhnlichen Stimme wären wir nämlich erkennbar. Außerdem erzeugt Händeklatschen ein Gemeinschaftsgefühl und ist das ideale Körpergeräusch einer Gruppe, da es nicht zu laut und nicht zu leise klingen kann. Auch vor einer Aufführung beginnen wir ja manchmal zu applaudieren. Dies ist dann eine liebenswürdige Form, rechtmäßige Ungeduld zu äußern, da sie zugleich Beifallslust zum Ausdruck bringt.


Warum haben wir Vorurteile? (14.01.2021)




Wir neigen dazu, unserer Welt eine körnige Textur zu verpassen. Je einfacher wir es unserem Denken machen, desto anstrengungsloser kommen wir durch das Leben. Haben wir erst einmal unsere Vorurteile gefasst und Schubladen für schnelle Einsortierungen eingerichtet, können wir rasche Urteile fällen, die dann aber natürlich meistens falsch sind. Ich sage immer: Wir sind für unsere Sichtweise sehend und für unsere Blindheit blind.


Warum geben wir unseren Partnern Spitznamen? (15.01.2021)




Wird ein Spitz- oder Kosename nur vom eigenen Partner benutzt, ist eine exklusive Innigkeit markiert. Dabei nennen wir unsere Partner so, wie wir sie gerne haben würden. "Bärchen" wäre hier die gewünschte starke Schulter, "Hase" das kuschelige aber zugleich sexuell aktive Wesen, "Spatz" und "Mausi" betonen die Harmlosigkeit, "Baby" nennt man, um den man sich kümmern möchte, "Engelchen" will die Inspiration und "Schatz" den besonderen Glanz.


Warum lieben viele Frauen das Einkaufen? (18.01.2021)




Frauen sind herkunftsmäßig Sammlerinnen und die braucht man heute mehr denn je, denn aus der Sammlerin ist auf dem kürzesten Weg die Konsumentin geworden. In diesem Punkt sind Frauen viel kapitalismuskompatibler als Männer. In der Konsumentin zeigt sich nämlich noch immer die triumphale Genugtuung der Sammlerin, die in ihrem Korb etwas heimbringt. Daraus ist weltweit die Handtasche entstanden. Ein Mann ohne Speer, das geht ja noch, aber eine Frau ohne Tasche ist eher die Ausnahme.


Warum können wir Kindern nichts ausschlagen? (19.01.2021)




Kinder sind oft mit der Unerbittlichkeit ihres Alters auf ein Spielzeug oder eine Nascherei aus. Da es sich zumeist um vergleichsweise geringe Geldwerte handelt, kostet uns das Nachgeben wenig und gibt uns das Gefühl, großzügig zu sein. Allerdings bereuen wir dies zuweilen, wenn das Kind dann nämlich das erworbene Gemeinschaftsbrett tatsächlich mit uns spielenswert findet oder sich nach zwei Stunden aufmerksamster Trommelei auf dem Instrument eingespielt hat.


Warum stehen wir Neuem oft skeptisch gegenüber? (20.01.2021)




Bekanntes Unglück wird unbekannter Zukunft vorgezogen. Haben wir uns einmal in unserem Leben eingerichtet, kostet es uns weniger Energie, auf bisherige Routinen zurückzugreifen und den ausgetretenen Pfaden zu folgen, als die Anstrengung zu unternehmen, uns Neuem probeweise auszusetzen. Immerhin hat das Alte bislang reibungslos funktioniert. Das eigene Gehirn arbeitet wie das Zentralkomitee einer Partei, die zu lange an der Macht war.


Warum glauben wir an Übernatürliches? (21.01.2021)




Menschen bewundern immer das, was sich ihrem Verständnis nicht ohne weiteres fügt. Dabei sind wir schnell bereit, das Wirken höherer Mächte anzunehmen, sobald wir etwas nicht durchdringen - vor allem übrigens dann, wenn wir glauben, das Unbegreifliche sei uralt und habe lange existiert, bevor wir selbst zur Welt kamen. Indem wir später mehr und mehr Wissen erlangen, erscheinen uns alte Glaubenssysteme wie entladene Batterien, die uns nicht mehr genug faszinieren, um uns von drüben her zum Leuchten zu bringen.


Warum werden wir im Alter schrulliger? (22.01.2021)




Manchen, die ein bestimmtes Alter erreicht haben, erscheint jede Lebensveränderung wie ein verabscheuenswertes Symbol für den Hingang der Zeit. Man kaut dann Erinnerungen wie Gummi, dem noch ein Rest Geschmack geblieben ist. Da kaum noch Neues erlebt wird, werden alte Begebenheiten erzählt, oft auch stets mit denselben Wörtern und in derselben Reihenfolge als seien sie das Vaterunser. Dennoch: Keine Grenze verleitet so sehr zum Schmuggeln wie die Altersgrenze.


Warum ziehen sich Menschen über den Tisch? (25.01.2021)




Wie alle biologischen Wesen sind wir auf bestmögliches Überleben und Vorteil bedacht. Der Glaube, dass die Menschen von Natur aus gut sind, ist oft eine Anleitung zum Unglücklichsein. Es werden nämlich nicht selten Gelegenheiten ausgenutzt, wenn kaum Strafe oder Ächtung zu fürchten ist. Manche Menschen sehen dann die schwerfällige Ordnung und Gesetzlichkeit des Alltages aufgehoben, also die Hindernisse und Umständlichkeiten, die im gemeinen Leben sich der Begierde entgegen stellen, auf glückselige Weise beiseite geräumt.


Warum ist unser Appetit nicht immer gleich? (26.01.2021)




Unser Appetit ist im Laufe des Jahres nicht immer gleich. In früheren Zeiten gab es im Winter weniger zu essen und man nahm eher ab und im Sommer zu. Heute ist es genau umgekehrt. Wir futtern uns Winterspeck an und sind dann spätestens im Frühsommer mit Blick auf die Strandfigur bemüht, unseren übergewichtigen Wohlstand zu schmälern.


Warum sind wir für Angst empfänglich? (27.01.2021)




Jedes biologische Wesen ist darauf gepolt, potenzielle Gefahren für das eigene Überleben blitzschnell zu erkennen. Sicherheitshalber nehmen wir Reize und Sorgen ernster als sie es sind. Die Massenmedien der Menschen werden auch künftig dabei mithelfen, immer wieder neuen Alarm an der Themenbörse zu positionieren; beispielsweise vor der schleichenden Ablagerung irgendwelcher Giftstoffe im Gehirn oder vor den seelischen Spätfolgen des Missbrauchs von Jungen durch überfürsorgliche Mütter oder vor Riesenmeteoren, die direkt Kurs auf die Erde halten.


Warum lassen wir beim partnerschaftlichen Sex nach? (28.01.2021)




Die Natur hat uns so gebaut, dass die Lust in der Lebensphase von potenziellen Familiengründungen am höchsten ist. Wenn wir uns dann umarmen und umbeinen, gerät unsere Männlichkeit und Weiblichkeit rasch in den bedrängendsten Aufstand. Später lassen wir im Bett zuweilen das Köpfchen hängen. Letztlich schielt die Natur also auf Nachkommenschaft, die aus dem jungen Verkehr der Geschlechter hervorgehen kann.


Warum sind wir neidisch? (29.01.2021)




Wir nehmen den Mitmenschen unseren eigenen Eindruck übel, das Leben habe sie besser behandelt als uns. Sobald wir Menschen wahrnehmen, die mehr von dem haben, was wir für uns selbst wünschenswert finden, leidet unsere Seele Zahnweh und unsere Missgunst greift nach spitzen Gegenständen. Aber ich verrate hier ein Geheimnis: Je größer der Reichtum, desto komplizierter das Glück.


Warum wollen wir schlank sein? (01.02.2021)




Schlanksein ist zum neuen Statussymbol geworden. Wirft man einen Blick in die Chefetagen, sieht man dort oft schlanke, sportliche Menschen - während das breite Volk in die Breite geht. Das war ja nicht immer so. In früheren Zeiten litt die Bevölkerung zuweilen Hunger und der typisch Wohlhabende hatte ein schon zur dritten Wölbung bereites Doppelkinn. Heute haben sich die Verhältnisse umgekehrt.


Warum geben wir unseren Autos Namen? (02.02.2021)




In einem Auto nimmt man ja eine ähnliche Körperstellung ein wie als ungeborenes Kind im Mutterleib. Wir sind von seiner Hülle geschützt und nehmen die Umgebungsgeräusche gedämpft wahr. Dieses Gefühl löst nun bei einigen Menschen so viel Vertrauen aus, dass sie ihr Auto wie ein Familienmitglied betrachten und ihm folgerichtig auch einen Namen geben. Als Psychologe würde ich also sagen: Das Auto ist ein rollender Uterus.


Warum wollen wir unsere Partner verändern? (03.02.2021)




In Partnerschaften meinen wir, wir selbst seien richtig und der Andere ein bisschen. Wir möchten ihn dann zu uns herüber ziehen und so verändern, dass er demjenigen entspricht, was in unserer eigenen Herkunftsfamilie gegolten hat. Als perfekter Partner scheint dann derjenige, bei dem wir uns selbst überhaupt nicht verändern müssen. Da der Andere aber bereits perfekt in seine eigene Welt passt und natürlich auch mich dort einfügen möchte, sind die Voraussetzungen gegeben, eine anhaltend strittige Beziehung zu führen.


Warum zeigen sich gute Manieren beim Essen? (04.02.2021)




Essen ist ein soziales Phänomen und von allerlei kulturellen Spielregeln bestimmt. Je beherrschter wir mitspielen, desto parkettsicherer wirken wir. Dazu gehört, dass es dem Gesicht gelingen muss, Wohlgeschmack widerzuspiegeln oder dass man bei Hunger nicht das Stück Fleisch in der Ecke verschlingt, sondern mit scheinbarem Gleichmut die Reste des Essens auf den Teller lädt.


Warum fühlen wir uns beleidigt? (05.02.2021)




Statt eines dicken Felles haben heute viele Menschen ein eher dünnes Nervenkostüm. Sie verhalten sich wie kostbare Vasen aus der Ming-Dynastie: ein falsches Wort und sie haben einen Sprung. Hier wird bei kindlichen Mustern angeknüpft, nämlich bei theatralischen Übertreibungen von winzigen Verletzungen. Sobald die eigene Empfindsamkeit nicht geteilt wird, entsteht gleichsam Kabelbrand an den Nerven-Enden. Auf beiden Seiten hilft dann heitere Gelassenheit.


Warum glauben wir, dass unsere neue Liebe ewig hält? (08.02.2021)




Wenn wir uns neu verliebt haben, neigen wir zur Selbstgratulation. Wir sprechen uns dann mehr Glück oder partnerschaftliche Kompetenz zu als der Durchschnittsbevölkerung. Um jeden Preis wehren wir den Gedanken ab, eine Niete gezogen zu haben. Denn wer in unsere erotische Schusslinie gerät, auf den lassen wir nichts kommen. Allerdings ist die Liebe ja nur selten ein Dauerbrenner und aus paartherapeutischer Einsicht in die Verhältnisse weise ich auf Zerreißproben hin. Auch Partnerschaften besitzen Sollbruchstellen.


Warum misstrauen wir Politik? (09.02.2021)




Politik wird heutzutage zunehmend therapeutisch und möchte sich gern als Entwicklungshilfe für den überforderten Einzelnen begreifen. Der vorsorgende Sozialstaat will mich vor meiner Willensschwäche und Irrationalität schützen. Andere tun also für mich, was ich selbst tun würde, wenn ich bei klarem Verstand wäre. Sobald der Staat als Super-Nanny auftritt und seine Bürger wie Kinder oder Patienten behandelt, sträuben sich viele Haare.


Warum schauen wir gern Trash-TV? (10.02.2021)




Als Zuschauer fühlt man sich stets überlegen, indessen die Handelnden sich unweigerlich blamieren. Wir lieben es zuzuschauen, wie bei anderen Leuten Zankäpfel über den Tisch rollen. Ohne persönlich betroffen zu sein, können wir beobachten, wie Konflikte entstehen, wie die Teilnehmer sich verausgaben und sich deren Gefühlslagen eintrüben oder aufhellen. Oft stellen wir dann mit Schadenfreude fest, dass deren knappes Kapital an Seriosität in der Regel rasch aufgebraucht ist.


Warum halten wir unseren Musikgeschmack für den besten? (11.02.2021)




Musik begleitet uns durch viele Lebensphasen. Da wir sie nach unserer jeweiligen Gefühlslage auswählen, ist sie Teil unserer Identität. Abgesehen davon, dass jeder glauben möchte, er hätte einen besonders erlesenen Geschmack, fühlen wir auch unsere Emotionen in Frage gestellt, wenn unsere Lieblingsmusik bei anderen keinen Anklang findet. In unserer Gefühlswelt möchten wir selbst den Ton angeben; auf die Musik der anderen können wir pfeifen.


Warum reden wir manchmal mit uns selbst? (12.02.2021)




Den Menschen geht es um ihr Beachtlichsein, ob sie nun interessant und sehenswürdig sind oder nicht. Reden wir mit uns selbst, haben wir den perfekten Kommunikationspartner, denn mit uns sind wir meistens einverstanden und von eigenen Ideen leicht zu begeistern. Auch wenn wir also keinen echten Zuhörer haben, können wir redetüchtig bleiben. Eine Sonderform sind Influencer: Die setzen sich zum Selbstgespräch nachts vor die Webcam.


Warum wünschen wir uns Kinder? (15.02.2021)




Die Fähigkeit, Leben zu schenken, vermittelt uns ein Gefühl von Selbstwirksamkeit. Wer sich als Brunnen des Lebens erweist, empfindet sich als Juniorpartner der großen Natur. Der Wunsch nach Kindern kann hier dem eigenen Leben Richtung und Stoßkraft verleihen. Wem immer mal wieder Säuglinge anliegen, deckt oft auf diese Weise seinen Sinnbedarf. Inwieweit dann das Familienleben tatsächlich allen Wunschvorstellungen entspricht, steht auf anderem Blatt.


Warum tun wir nicht gern, was andere von uns wollen? (16.02.2021)




Berührungen mit dogmatisch Gesagtem provozieren bei vielen Menschen heute antiautoritäre Reflexe, die sich nahezu zwanghaft einstellen. Wir glauben es unserer eigenen Würde schuldig zu sein, den uns erteilten Ratschlägen nicht zu folgen. Selbst im Sport- und Freizeitbereich nehmen wir Verhaltensanweisungen nur mit Murren hin. Man denke beispielsweise an die Kabinenstandpauke des Trainers an eine formschwache Mannschaft.


Warum lästern wir? (17.02.2021)




Lästern schlägt zwei Fliegen. Zum einen wird die soziale Beziehung zu denjenigen vertieft, mit denen wir gemeinsam lästern. Zum anderen werden beim Lästern ja die Schwächen der Nichtanwesenden betont, sodass wir uns über sie stellen und selbst aufwerten können. Bereits im Mittelalter trafen sich Frauen des Dorfes am Waschplatz, um im doppelten Sinne schmutzige Wäsche zu waschen. Sie wurde auf einen Stein geschlagen, wodurch das typische Geräusch entstand, das man noch heute als Klatsch bezeichnet.


Warum lieben wir soziale Netze im Internet? (18.02.2021)




Wir schlagen unseren Faden in ein Netz von Beziehungen. Social-Media-Plattformen sind nun deshalb so reizvoll, weil wir dort nirgendwo außer Acht gelassen werden. Wir können sie als Instrumente der Selbstpräsentation nutzen und uns der Illusion hingeben, unsere Kundgebungen seien für andere irgendwie interessant. Immerhin kann eine durchschnittliche Sechszehnjährige von heute über soziale Medien mehr Zeitgenossen erreichen als Caesar vom Capitol aus auf dem Höhepunkt seiner Macht.


Warum streiten Frauen und Männer unterschiedlich? (19.02.2021)




Grob gesagt sind Frauen eher beziehungsorientiert und Männer sachorientiert. Aus diesem Grund meinen die Männer, sie müssten mit ihrem Fingerzeigfinger auf Dies und Das hinweisen. Umgekehrt suchen Frauen die Kundgebungen ihrer Männer oft nach verletzenden, gegen sie als Person gerichtete Äußerungen ab. Wenn ein Mann sagt, das Problem mit Frauen sei, dass sie alles persönlich nehmen, wird die Frau antworten: Auf mich trifft das nicht zu!


Warum wirkt Gähnen ansteckend? (22.02.2021)




Gähnen zeigt nicht nur, dass unsere Müdigkeit ins Ziel geführt werden möchte, sondern feuert auch die Spiegelneuronen von Beobachtern an. Die ansteckende Wirkung des Gähnens ist also Ausdruck unbewusster Empathie und trägt dazu bei, den Zusammenhalt innerhalb von Gruppen zu stärken. Mein Ratschlag aus der Praxis: Möchte man einmal ein aufkommendes Gähnen unterdrücken, dann genügt es, die Zungenspitze kurz mit dem Finger anzutippen.


Warum geben wir uns gern sportlich? (23.02.2021)




Die meisten Menschen brauchen sich im Alltag nicht mehr schwer muskulär anstrengen. Eine Ausnahme bilden Körperkünstler, die man heute ja Sportler nennt. Wenn Muskeln noch beansprucht werden, dann gern unter einem artistischen oder künstlerischen Vorzeichen. Es ist nämlich oft so, dass Sport ab einem gewissen Leistungsniveau - übrigens genauso wie ein Kunstwerk - um des Zeigens willen betrieben wird. Eine Sonderform sind Extremsportler; diese müssen sich den Tod bekanntlich hart erarbeiten.


Warum ist beim Tratschen der Wahrheitsgehalt nicht entscheidend? (24.02.2021)




Wir lieben es, Neuigkeiten auszutauschen. Sobald unsere Mitteilungen für Andere interessant sind, streichen wir den Lohn in Form von Aufmerksamkeit ein. Indem wir uns also als gut vernetzte Informanten ausgeben, ziehen wir das Interesse auf uns, auch wenn unsere Äußerungen der tatsächlichen Wahrheit in nichts verpflichtet sind. Die Evolution hat den Menschen so gebaut, dass er bestmöglich überlebt. Richtigkeit und Wahrheit sind dabei untergeordnete Ziele.


Warum geben wir unseren Eltern Schuld? (25.02.2021)




Wir alle glauben, der Zufall habe uns eine kleinliche Umwelt beschert, und andere Milieus seien besser. Wenn wir mit dem Leben unzufrieden sind, wehren wir die eigene Verantwortung dafür gern ab und schieben sie der beklemmenden Enge unseres Elternhauses zu. Die Wahrheit ist jedoch: Die Eltern haben es jeweils so gut gemacht wie sie konnten. Ich sage immer: Eigentlich lässt sich eine schöne Kindheit auch später als Erwachsener noch ein bisschen nachholen.


Warum wollen wir immer mehr von dem, was wir schon haben? (26.02.2021)




Zu jedem Komfort gehört es, dass wir ihn nur als steigend konzipieren. Konsequenterweise empfinden wir das gegebene Niveau nach einer gewissen Weile als Unkomfort und klagen seine Hebung ein, als sei dies eine dringende Forderung der Menschenrechte. Genau das ist übrigens auch der Grund für die Fassungslosigkeit der modernen Menschen angesichts von Rezessionen und ihre Bereitschaft, wegen winziger Verluste an Realeinkommen das Ende der Zeiten für nahe zu halten.


Warum vergleichen Frauen ihre Körper mehr als Männer? (01.03.2021)




Im Durchschnitt sind Frauen beziehungsorientierter als Männer und nehmen sich deshalb wechselseitig in den Blick. Durch die vergleichende Beurteilung von körperlicher Beschaffenheit lässt sich innerlich wahlweise die eigene Frische loben oder Veränderungsdruck auferlegen. Bereits in früheren Jahrhunderten gab es Plätze, auf dessen Bänken sich alte Frauen verglichen. Vorüberlaufende junge Frauen wurden vermessen und für zu griffig befunden. Bei Männern beobachten wir spätestens ab dem mittleren Alter, dass sie resigniert jeden Wettkampf aufgeben. Uns genügt es zu sagen: "Mir steht mein Penis gut."


Warum benutzen wir Emojis? (02.03.2021)




Emojis können dabei helfen, Sprachbarrieren zu überwinden und emotionale Zustände noch nuancierter auszudrücken als mit Bestimmungswörtern. Psychologische Untersuchungen haben gezeigt, dass die Verwendung von Emojis am Ende von positiven Textnachrichten diese nochmals positiver erscheinen lassen. Nachrichten mit negativem Inhalt werden durch Emojis zwar weiterhin als negativ aufgefasst, aber in ihrer Intensität verringert.


Warum geben wir Geld für unsinnige Dinge aus? (03.03.2021)




Mitunter benötigen wir eine Selbstbestätigung für materiellen Wohlstand. Immerhin hatten wir uns früher als junge Erwachsene in Entbehrung flüssiger Mittel darauf zu beschränken, gleichsam von außen unser Gesicht an das Prunkgatter eines lusterfüllten Gartens zu pressen. Wenn wir dann später zu Geld kommen, möchten wir uns selbst und der Mitwelt durch überflüssige Güter demonstrieren, dass unser eingeschlagener Lebensweg richtig war. Der typische Denkfehler aller Wohlhabenden besteht darin, dass sie ihre zufälligen Erfolge als eigene Leistungen missdeuten.


Warum denken wir zunehmend an die Kindheit zurück? (04.03.2021)




Je älter wir werden, desto stärker kommen wir gedanklich auf unsere Kindheit und Jugend zurück. Die Jahre vor der Volljährigkeit sind die prägenden und im Rückblick deuten wir Anekdoten daraus zu Kapiteln unserer Lebensgeschichte um. Besonders gern betonen wir übrigens die vergleichsweise bescheidenen Verhältnisse, aus denen wir angeblich stammen. Die erfindungsreiche Erinnerung sieht dann ärmliche Fischerhäuser, vor deren Türen alte Frauen Netze flicken oder eine Greisin vor dem Elternhaus, die sich krumm unterm Reisigbündel müht.


Warum sind wir eitel? (05.03.2021)




Eitelkeit bedeutet ja die übertriebene Sorge um die eigene Schönheit oder die geistige Vollkommenheit. Die Betroffenen möchten unbedingt gefallen und ins Auge springen durch gutes Aussehen oder durch Wohlgeformtheit des eigenen Charakters. Indem wir attraktiv wirken wollen, suchen wir nach Selbstbestätigung dafür, dass wir in unserem bisherigen Leben vieles richtig gemacht hätten und dass wir bewunderungswürdig oder gar liebenswert seien. Der Spiegel der Selbstreflexion ist meistens jedoch an der kritischen Stelle blind.


Warum verlieben wir uns immer in den gleichen Typus? (08.03.2021)




Bei der Partnerwahl sind wir unbewusst durch unsere Schulhof-Schwärmereien beeinflusst. Hatten wir damals einen brünetten oder blonden Typus ins Auge gefasst, mit oder ohne Brille, von bestimmter Körperhaltung, vielleicht auch mit besonderen inneren Eigenschaften, so suchen wir später den Markt genau danach ab. Entscheidend ist, dass damals keine Partnerschaft zustande kam, denn wenn Liebe keine Antwort bekommt, bleibt sie frisch. Unsere Partnersuche im Erwachsenenalter kompensiert also unsere pubertären Frustrationen.


Warum können wir das Handy schlecht aus der Hand legen? (09.03.2021)




Smartphone-Apps sind so programmiert, dass wir sie möglichst lange benutzen, damit uns viele Werbebotschaften von hinlänglicher Leuchtkraft in die Augen springen können. Am effektivsten ist hierbei die "pull to refresh"-Funktion, also die Aktualisierung durch Herunterziehen des Fingers. Sie ist dem Glücksspielautomaten des Einarmigen Banditen aus Las Vegas nachempfunden. Ziehen wir den Hebel, werden wir entweder durch interessante Neuigkeiten belohnt oder es passiert vorerst nichts. In beiden Fällen können wir dann kaum unsere Finger vom Handy lassen.


Warum werden wir beim Autofahren aggressiv? (10.03.2021)




Sitzen wir im Auto, sind wir von dessen Metallhülle geschützt und fühlen uns dadurch sicher genug, gegen andere Verkehrsteilnehmer Verwünschungen auszustoßen. Hinzu kommt, dass wir ja irgendwo hinkommen wollen und die gebotene Eile dann unsere Zündschnur verkürzt. Und drittens sehen wir es ungern, wenn wir selbst alle Verkehrsregeln befolgen, andere jedoch nicht gleichermaßen durch die Straßenverkehrsordnung eingespurt sind.


Warum bekommen wir ein schlechtes Gewissen? (11.03.2021)




Der Mensch krümmt sich unter erdachten Last, die er Gewissen nennt. Es hat die Funktion, uns an unsere jeweilige soziale Gruppe zu binden. Wenn wir etwas tun, was in der für uns relevanten Gruppe geschätzt wird, haben wir ein gutes Gewissen. Und ein schlechtes Gewissen bekommen wir, wenn unser persönliches Umfeld unsere Handlungen bei Kenntnisnahme ablehnen würde. Das Gewissen hat also nichts mit Gut und Böse zu tun, sondern ist gewissermaßen ein sozialpsychologisches Gleichgewichtsorgan.


Warum lügen wir? (12.03.2021)




Alle unsere Äußerungen haben immer auch das Ziel, die Beziehung zu unseren Mitmenschen zu vertiefen. Mitunter ist hierfür eine Lüge geeigneter als die Wahrheit. Wenn wir also durch unsere Aussagen erwarten können, von unserem Umfeld gemocht zu werden, dann verhalten wir uns zur Wahrheit wie die Kuh zum Stachelzaun: Solange es etwas zu fressen gibt, hält sie sich fern; dann sucht sie eine Lücke.


Warum fällt uns das Einlassen auf eine feste Partnerschaft manchmal schwer? (15.03.2021)




Im Vergleich zu früheren Zeiten sind wir heute unabhängiger von unseren Mitmenschen. Wir können beliebige Lebensentwürfe wählen und brauchen hierfür nicht zwangsläufig feste Partner. Mitunter scheuen wir auch das Risiko, durch eine handfeste Beziehung zu Veränderungen in unserem eigenen Wohn- und Freizeitverhalten gezwungen zu werden. Es liegt also in unserer Hand, ob wir unser Bett als halb leer empfinden oder als halb voll.


Warum sind wir abergläubisch? (16.03.2021)




Beim Aberglauben schaffen wir Ordnung im Chaos der Welt, indem wir uns irgendwelche Zusammenhänge zwischen Lebenssachverhalten einbilden, aus denen wir Deutungs- und Verhaltensregeln ableiten können. Je häufiger wir dies wiederholen, desto felsenfester glauben wir an ihre Wirkmächtigkeit. Wir gehen dann quasi von guten wie bösen Geistern aus, die unablässig Zeichen ihrer Tätigkeit senden. Hier werden auch böse Zeichen Teil der guten Nachricht, dass alles, was erscheint, Sinn ergibt, sobald man sie zu lesen gelernt hat.


Warum glauben wir nur, was wir selbst für richtig halten? (17.03.2021)




Statt Neues mühsam verarbeiten zu müssen, ist es wesentlich leichter, in unseren bisherigen Landkarten des Sein zu bleiben und die Welt nach unserer Elle zu vermessen. Wir sparen Energie, wenn wir intuitiv glauben, die Welt schulde uns ihre Angleichung. Auch bei größeren Themen sind wir ständig auf der Suche nach empirischen Argumenten zugunsten unserer existenziellen Gestimmtheit. So gesehen ist jedes Lernen nur Vorfreude auf uns selbst.


Warum interessieren wir uns für Promis? (18.03.2021)




Bereits in den frühen Kulturen wurden Geschichten über Helden erzählt. Man bewunderte deren Mut und Kraft. Heute haben wir Helden durch Stars ersetzt. Der Unterschied zwischen beiden besteht darin, dass ein Held meistens früh stirbt, wohingegen ein Star sich selbst überlebt. Er versucht so zu sein wie damals auf seinem Zenit. Das kann dann entweder noch immer gut oder eher von peinlicher Tendenz aussehen.


Warum möchten wir Lob und Kritik? (19.03.2021)




In der Lernpsychologie hat man die Beobachtung gemacht, dass extrovertierte, gesellige Menschen eher durch Belohnung lernen und introvertierte, ruhige Menschen eher durch Bestrafung. Das heißt: Kritisiere ich einen extrovertierten Menschen, dann wird er sich rechtfertigen und seine Ansichten trotzdem nicht für korrekturbedürftig halten. Lobe ich ihn jedoch, dann wird er das gelobte Verhalten immer und immer wieder zeigen. Bei introvertierten Menschen ist es umgekehrt. Sie nehmen Lob kaum an, aber stellen ab, was andere an ihnen kritisieren.


Warum sind wir hart im Nehmen? (22.03.2021)




Der moderne Begriff Resilienz bedeutet psychische Widerstandskraft, also die Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigung zu überstehen. Letztlich heißt dies, dass eigene Schlappen und Misserfolge virtuos abgedunkelt werden können, sodass sie kaum noch ins Bewusstsein eindringen. Solange man sich beispielsweise weniger krank fühlt, als man der Lage nach sein sollte, ist man schon nahezu wieder gesund.


Warum fallen uns Entscheidungen schwer? (23.03.2021)




Im Konstruktivismus kannte man die Maxime: Handle stets so, dass die Anzahl deiner Wahlmöglichkeiten steigt! Durch die Festlegung auf eine Entscheidung kappen wir also unsere künftige Auswahlfreiheit. Wir schrecken davor zurück, einen Entschluss zu fassen, der sich später als möglicherweise suboptimal herausstellt. Durch Zaudern bewahren wir uns zwar einen Schwebezustand, treten aber auf der Stelle. Tatsächlich steht in den Glasvitrinen unserer Seele allerlei Porzellan, das nach einem Elefanten verlangt.


Warum können wir bei Sonderangeboten kaum widerstehen? (24.03.2021)




Die steinzeitlichen Jäger und Sammler in uns lassen sich bereits durch die Kennzeichnung von Rabattprozenten aus der Reserve locken. Durch die Behauptung einer bald versiegenden Quelle werden wir als Legionäre des Augenblicks mobilisiert. Greifen wir unmittelbar zu, überrieselt uns der Gedanke mit Freude, im letzten Augenblick gute Beute gemacht zu haben. Ob dies vor dem Tribunal der Vernunft bestehen kann, ist einerlei.


Warum möchten wir fit aussehen? (25.03.2021)




Heute assoziiert man fit aussehende Menschen damit, dass sie sportlich aktiv auf dem Laufenden sind. Sie scheinen also überschüssige Zeit, Disziplin und Geldscheine für Fitness zu haben. Außerdem ist kalorienreiches, fettes Essen heute für jeden erschwinglich, während gesunde Biokost teuer ist. Mit einem fitten Körper möchte man also bewusst oder unbewusst auch eine gewissen Luxus ausdrücken.


Warum behalten wir Nebensächlichkeiten im Gedächtnis? (26.03.2021)




Das Gehirn ist ein Schwamm, der den Kosmos aufsaugt, in einer Art Vorratsdatenspeicherung. Da wir vorerst nicht wissen, was wir davon später benötigen werden, merken wir uns einzelne Bruchstücke, aus denen wir bei Bedarf wieder eine komplette Erinnerung zusammensetzen können. Dazu eignen sich auch winzige Details und Nebensächlichkeiten. Sobald wir uns darüber wundern, dass uns Kleinigkeiten an etwas erinnern, haben sie ihre Wirkmächtigkeit ja gerade bewiesen.


Warum vertrauen wir einander? (29.03.2021)




Aus biologischer Perspektive ist der Mensch kein Einzelgänger, sondern ein Herdentier. Um bestmöglich zu überleben, sind wir auf Kooperation angewiesen, die wiederum Grundvertrauen voraussetzt. Glück bedeutet für uns Geborgenheit im Nicht-denken-Müssen. Wir ersparen uns eigenen kognitiven Aufwand, wenn wir uns auf dasjenige verlassen, was andere Menschen vorgeben bereits durchgearbeitet zu haben. Mitunter gehen wir dadurch jedoch zielstrebig in die Irre.


Warum versagen wir in Bewerbungsgesprächen? (30.03.2021)




Wer eingestellt werden möchte, muss einige der Probleme lösen können, die das Unternehmen gerade hat. Wer das übersieht, setzt die falschen Schlaglichter. Übrigens rate ich als Psychologe bei der Frage nach den eigenen Stärken zur Antwort: "Ich mache einen Fehler nur einmal." Und bei der Frage nach den eigenen Schwächen wird am liebsten gehört: "Ich arbeite manchmal zu hart." Der psychologisch klügste Satz lautet aber: "Ich hoffe, meinen Vorgesetzten rasch zu beweisen, dass meine Intelligenz sich genau in den richtigen Grenzen hält."


Warum lieben wir Selfies? (31.03.2021)




Selfies markieren Momente, wo Weltwahrnehmung auf die Perspektive von Selbstreflexivität umschaltet. Das heißt, wir setzen uns zu unserer Umgebung in Beziehung, indem wir uns in ihren Mittelpunkt schieben. Da die menschliche Wahrnehmung besonders Gesichter sehr gut lesen kann, sind Selfies geeignet, uns in derjenigen sozialen Rolle zu inszenieren, in der wir uns gern sehen würden.


Warum sind wir manchmal durch den Wind? (06.04.2021)




Die Völker alter Kulturen waren dämonengläubig. Wenn wir heute meinen, es in geringerem Maße zu sein, so weil wir die bösen Geister in den Individuen einquartiert haben. In ihnen leben sie als destruktive Impulse weiter. Was man früher "die Dämonen" genannt hat, nehmen wir auch heute noch wahr, nur heißen sie jetzt "die Hormone".


Warum ahmen wir einander nach? (07.04.2021)




Als Herdentiere trauen wir instinktiv dem Urteil von Gruppen und sprechen uns Schwarmintelligenz zu. Wenn Nachbarn und Kollegen ein Produkt oder eine Dienstleistung erwerben, strahlt dies oft auch Anziehungskraft auf uns aus. Durch Nachahmung gerät jedes Verhalten in eine Spur, der dann wieder andere folgen und die sich damit tiefer in den Boden drückt. Übrigens gilt das auch im politischen Bereich: In allen Demokratien hat eine Mehrheit von Wählern die vorbewusste Tendenz, mit der Mehrheit stimmen zu wollen.


Warum sind wir schlechte Beifahrer im Auto? (08.04.2021)




Beim Führen von Kraftfahrzeugen hat jeder einen eigenen Stil. Als Beifahrer fühlt man sich dieser abweichenden Fahrweise ausgeliefert. Wir erinnern wir uns dann bewusst oder unbewusst an unsere damaligen strengen Fahrlehrer, die von diesem Platz aus zurechtweisen und bei heiklen Manövern sogar eingreifen durften. Hinzu kommt, dass uns als Passive daran gelegen ist, diese Lage möglichst schnell zu verlassen und zum Ziel der Navigation zu gelangen. Aus Sicht des Beifahrers stehen innerlich alle Ampeln auf Grün.


Warum akzeptieren wir bei Luxusgütern überteuerte Preise? (09.04.2021)




Käufer von Luxusgütern sind zwar entschlossen, in ihnen eine überragende Qualität sehen zu wollen, jedoch besteht der Sinn dieser Produkte gerade darin, sich von denjenigen Menschen abzugrenzen, die sie nicht erschwingen können. Diese materielle Arroganz wird augenfällig, wenn Schmuck umfangreich angebracht ist oder ein Wagen vor dem Haus steht, der auf eine erfreuliche Vermögenslage schließen lässt. Generell kann man sagen, dass hohe Kosten dazu verleiten, dasjenige gut zu finden, wofür man sich entschieden hat.


Warum hören wir Radio? (12.04.2021)




Unser Gehirn prüft permanent: Besteht gerade irgendeine akute Gefahr oder kann ich mich ein bisschen entspannen? Sobald Musik an meine Ohren dringt oder ich eine schöne Moderatorenstimme höre, meldet mein Gehirn, dass um mich herum eigentlich eine recht annehmbare Welt existiert und schaltet mich automatisch einen Gang herunter. Radiohören ist also Psychohygiene.


Warum bleiben wir Optimisten? (13.04.2021)




Die meisten Menschen sind gewissermaßen auf dem zweiten Bildungsweg zu Optimisten geworden. Die Lebenserfahrung lehrt nämlich, dass pessimistische Prognosen durch den Lauf der Dinge nie bestätigt werden. Es kommt zwar nie so gut wie von den blauäugigsten Optimisten erhofft, aber auch nie so schlecht wie von den Pessimisten befürchtet. Im Regelfall pegelt sich das Leben tatsächlich auf eine gesunde Mitte ein.


Warum macht Superreichtum nicht glücklich? (14.04.2021)




Der Ausdruck "wunschlos glücklich" ist irreführend, denn Wunschlosigkeit löst ihr sprichwörtliches Glücksversprechen kaum je ein. In Wirklichkeit ist ein luxuriöses Leben oft unbefriedigend, da es kein sinnvolles Ziel besitzt. Beispielsweise benötigt man für eine klassische 18-Loch-Golfrunde ca. viereinhalb Stunden; damit ist noch nicht genug Zeit totgeschlagen. Und ist man mit der eigenen Yacht auf dem Mittelmeer unterwegs, steuert man ja doch nur immer wieder die gleichen drei, vier Lieblingsrestaurants in Monaco oder Saint-Tropez an.


Warum ändern wir uns kaum? (15.04.2021)




Wir werden durch früheste Erfahrungen geprägt. Sobald wir in Kindheit und Jugend eine Charakter- und Verhaltensschablone gefunden haben, die für uns funktioniert, halten wir am vermeintlich Bewährten fest und haben keinen Änderungsbedarf. Oft stricken wir also zeitlebens an den angefangenen Strümpfen weiter. Nur durch ein Wunder würde dann auf ihnen zufällig ein unvorhergesehenes Muster entstehen.


Warum bewahren wir Krimskrams auf? (16.04.2021)




Unser Gedächtnis zeichnet sich durch Lücken aus. Sobald es ins Straucheln kommt, sind wir froh, wenn uns Gegenstände vorliegen, die ihm auf die Sprünge helfen. Erleben wir etwas Besonderes, möchten wir ihm Dauer verleihen, indem wir ein Andenken als Mitbringsel in die Zukunft hinein retten. Je älter wir werden, desto stärker erinnert unsere Wohnung an die Asservatenkammer eines abgedankten Staatschefs.


Warum brauchen wir Freunde? (19.04.2021)




Freundschaften sind Bündnisse gegen die Zerbrechlichkeit des Lebens. Aus psychologischer Perspektive sind Freunde demnach Mitwisser in Fragen des Älterwerdens. Sie begleiten uns auf parallelen Lebenswegen und ermöglichen wechselseitige soziale Interaktion. Allerdings zeigt sich oft: Fünf Freunde bedeuten Lebensfreude, zehn Freunde bedeuten Kalenderstress, zwanzig Freunde führen ins Burnout.


Warum glauben wir an Dies und Das? (20.04.2021)




Glauben ist eine anthropologische Grundkonstante. Was ich glaube, gibt mir Halt, da ich es nicht geistig durcharbeiten muss. An etwas zu glauben, ist also auch ein Akt von Bequemlichkeit, die aufzugeben wir oft keine Veranlassung sehen. Wir suchen unter denjenigen Bildern Zuflucht, die sich nach unserem Dafürhalten bewährt haben. Gegenläufige Erfahrungen fallen gern aus dem Kreis unserer Aufmerksamkeit oder sind an die Peripherie gedrängt.


Warum haben wir One-Night-Stands? (21.04.2021)




Klassische Wege der Pflege von Partnerschaften sind oft langwierig und mühsam. Zudem suchen Menschen zuweilen nach besonderen Erlebnissen und Bestätigungen ihres Marktwertes. Um dies zu erreichen, genügt es manchen Männern, sich in wechselnden Frauen zu erschöpfen. Und manche Frauen finden es reizvoll, einen Mann, den sie kaum kennen, auf sich wirken zu lassen.


Warum gehen wir ohne Smartphones nicht aus dem Haus? (22.04.2021)




Den Menschen liegen ihre Handys nah. Der Reiz besteht darin, dass wir unsere Körper quasi zu Sende- und Empfangsstationen für die weite Welt verlängern. Ein solches Verbundensein mit beliebigen Artgenossen in der Ferne ist ein evolutionäres Novum, das unsere Lebens-Chancen erhöht und sich deshalb rasch durchgesetzt hat. Weltweit sprechen bereits Teenager ihrem Handy zu. Aber auch unter uns Erwachsenen liegen die Smartphones oft wie Pistolen auf dem Tisch, mit denen man den Tischgenossen bei jedem eintreffenden Anruf ins kommunikative Aus schießen kann.


Warum bringt uns partnerschaftlicher Streit nicht weiter? (23.04.2021)




Viele Paare sind in ihrem Streit gut eingespielt. Sie redet an ihm vorbei, er über sie weg. Aber wer das Haar sucht, dem entgeht die Suppe. Man kann über jeder Suppe, auch der partnerschaftlichen, solange den Kopf schütteln, bis ein Haar darin liegt. Was mache ich aber, wenn ich in einer an sich schmackhaften Suppe ein Haar finde? Ich lasse mich davon nicht stören, fische es heraus und löffele trotzdem die Suppe genüsslich weiter.


Warum sehen wir rote Teppiche für Stars vor? (26.04.2021)




Bereits in der Antike kannte man rote Teppiche, die damals eher rotviolett aussahen. Die Farbe Purpur war der kostbarste Farbstoff der Welt und musste in wochenlanger Arbeit aus dem Sekret der Purpur-Schnecke gewonnen werden. Folgerichtig war sie zum Bekleiden und Betreten nur den obersten Herrschern vorbehalten, um deren Macht und Bedeutung hervor zu kehren. Heute gibt es uns Stoff zum Nachsinnen, wenn von einem Star gesagt wird: Er ist immer auf dem roten Teppich geblieben.


Warum können wir Glück kaum genießen? (27.04.2021)




Wir Europäer haben zweitausend Jahre Welt- und Lebensverneinung im Rücken. Durch unsere kulturellen Traditionen sind wie darauf geprägt, das unglückliche Bewusstsein zu überhöhen und auf das glückliche wie auf eine Kinderei herab zu blicken. Deshalb laufen viele Menschen dem Glück hinterher und merken nicht, dass in Wirklichkeit das Glück hinter ihnen herläuft und sie nicht einholen kann. Übrigens: Wer das große Glück sucht, dem entgeht das kleine.


Warum haben wir Angst etwas zu verpassen? (28.04.2021)




Viele Menschen werden von Versäumnisangst geplagt. Dahinter steckt die letztlich irrige Vorstellung, es gäbe in der Welt noch völlig Neues und Nie-Dagewesenes, das uns entgehen könnte. Uns beunruhigt dann der Gedanke, das womöglich Beste läge bislang noch außerhalb unseres Frequenzspektrums. Die positive psychologische Wahrheit ist jedoch: Jeder, der diese Welt gesehen hat, hat eigentlich alles gesehen, was typischerweise zu sehen ist.


Warum treiben wir Freizeitsport? (29.04.2021)




Die meisten modernen Menschen sind von schwerer körperlicher Arbeit freigestellt. Dadurch entstehen Energieüberschüsse, die verausgabt werden wollen. Das System des Freizeitsportes hat sich hier zu einem Multiversum mit hunderten von Nebenwelten entfaltet. Darin feiern die selbstbezügliche Bewegung, das nutzlose Spiel, die unaufgeforderte Verausgabung und der simulierte Kampf einigermaßen mutwillig ihr Dasein. Beim Sport können wir also die Anstrengung in den Dienst des Überflüssigen stellen.


Warum sehen wir nur, was wir sehen wollen? (30.04.2021)




Im Laufe unseres Lebens haben wir gelernt, für uns selbst überall Wahrnehmungs- und Benutzeroberflächen herzustellen. Jede neue Erfahrung möchte in bereits vorhandene Denkmuster integriert werden. Wir sind übrigens eher bereit, eine ungefällige Tatsache zu leugnen statt unser bisheriges Denk- und Wertesystem in Frage zu stellen. Aber bekanntlich ist auch hinter dem Berg noch Welt.


Warum verreisen wir gern? (03.05.2021)




Urlaub ist die ekstatische Konzentration der Freizeit. Um unser Bedürfnis nach Tapetenwechseln und ungewohnten Eindrücken zu bedienen, schaufeln uns Reiseunternehmen preiswert in Gruppen an sonnige Strände oder zu Bildungsruinen. Nüchtern betrachtet, wird auch bei anspruchsvollen Reisezielen letztlich Biomasse durch Kulturmasse geschleust. Dennoch reisen wir nicht, um aus dem Leben zu fliehen, sondern damit das Leben nicht aus uns flieht.


Warum irritieren uns Komplimente? (04.05.2021)




In unserer Kultur kritisieren wir alles gern, aber loben meist nur beiläufig und sind mit Zuspruch eher zurückhaltend. Aus diesem Grund misstrauen wir Komplimenten und suchen sie aus Unsicherheit sogar nach versteckten Ironie-Signalen ab. Interessant ist: Befinden wir uns in einer Lebensphase der Stärke, hören wir auch über verdiente Komplimente hinweg. Sind wir jedoch in einer Lebensphase der Schwäche, lassen wir selbst die sinnlosesten Schmeicheleien auf uns wirken.


Warum können wir schlecht "Nein" sagen? (05.05.2021)




Wir sind bemüht, unsere Mitmenschen nicht zu enttäuschen. Um sie uns gewogen zu halten, schlagen wir ihre Bitten nur ungern aus. Dennoch mag es vielleicht überraschen, dass ich als Psychologe sage: In einem "Ja" steckt wesentlich mehr Kraft als in einem "Nein". Wer ein großes Nein in sich trägt, dem fehlt es im Leben häufiger an Harmonie. Manche verbrauchen dann auch Psychotherapeuten wie ein Kettenraucher.


Warum folgen wir der Bekleidungsmode? (06.05.2021)




Natürlich gibt es Menschen, die der Mode ihrer Jugend nicht untreu geworden sind. Dennoch lassen wir uns gern von neuen Kollektionen verzaubern. Sobald wir Trends folgen, empfinden wir uns als lebendige Teilnehmer einer dynamischen Kultur und können unsere Wandelbarkeit beweisen. Man kann seiner Lebensfreude also auch dadurch Ausdruck geben, indem man sich modisch kleidet.


Warum leben wir oft ungesund? (07.05.2021)




Die Lebensspanne rollt sich vor uns aus wie ein rissiges Seil, dessen Enden sich im Grau verlieren. Da wir nie genau wissen können, ob und wie sich eine anstrengende gesunde Lebensweise auf unsere konkrete Lebenserwartung auswirken würde, schlagen wir den Weg der Bequemlichkeit und des Genusses ein. Intuitiv ahnen wir: Gesundheit ist lediglich die langsamste Form zu sterben. Deshalb zählen nicht die Jahre in unserem Leben, sondern es zählt das Leben in unseren Jahren.


Warum finden wir Minimalismus attraktiv? (10.05.2021)




Seit geraumer Zeit streben immer mehr Menschen nach einer Reduzierung von Komplexität. Wir glauben nämlich, uns auf das wirklich Wesentliche besinnen zu können durch Verzicht auf unnötige Dinge und durch klare Linien in allem. Obwohl dies auf den ersten Blick weise erscheint, ist Minimalismus wahrscheinlich dennoch eine Sackgasse. Denn der extreme Schlusspunkt wäre das Gehirn in einer Nährlösung. Außerdem gebe ich als Psychologe zu bedenken: Dass weniger mehr ist, gilt nur für den, der viel hat.


Warum verschätzen wir uns beim Alter von Fremden? (11.05.2021)




Wir wünschen uns, dass unser Äußeres eine ausdauernde Jugendlichkeit behält. Tatsächlich arbeitet aber das Alter an unserem Gesicht wie ein unzufriedener Bildhauer. Dass wir uns dennoch bei Fremden um mehr als 10 Jahre verschätzen können, hängt mit unserer ganzheitlichen Wahrnehmung von Gesichtern zusammen. Wir registrieren kaum ihre Details, sondern lassen sie als Einheit auf uns wirken. Deshalb werden junge Menschen älter und alte Menschen jünger geschätzt als sie es sind.


Warum schieben wir unangenehme Dinge auf? (12.05.2021)




Zuweilen meinen wir, das zart Schwebende unserer Existenz würde verbieten, es mit der Wirklichkeit aufzunehmen. Wir sehen uns dann außer Stande, das Notwendige anzupacken. Der Mensch ist dasjenige Wesen, das am liebsten sagt: "Ich konnte nicht anders!" Es gibt also auch einen Willen zur Ohnmacht. In der objektiven Realität wäre unsere Energie natürlich auch ausreichend für das Erledigen unangenehmer Handlungen.


Warum wünschen wir uns freundlichen Service? (14.05.2021)




Beim Erwerb einer Ware oder Dienstleistung scheint es auf den ersten Blick ja zweitrangig, ob wir dabei vom Verkaufspersonal angelächelt werden oder nicht. Dennoch bedeutet ein Kaufvorgang immer auch eine wechselseitige Wertschätzung unserer sozialen Rollen. Werden wir in guter Form bedient, fällt uns die Erlegung des Preises leichter, wenngleich man sich vor Übertreibungen hüten sollte: Laufen wir beim Kauf eines neuen Handys durch ein Spalier applaudierender Store-Mitarbeiter, werden wir womöglich veräppelt.


Warum können wir immer immer schlechter mit Rauchern umgehen? (17.05.2021)




Unsere Gesellschaft idealisiert zunehmend eine gesunde Lebensweise. Psychologisch erscheint uns Rauchen jetzt wie eine Geste der Selbstzerstörung und deshalb weniger erträglich. Zwar gibt es von der Gegenseite entschlossene Versuche, dem Rauchen in Spezial-Boutiquen eine Aura kosmopolitischer Eleganz zu verleihen. Typischerweise werden jedoch Raucher etwa auf Flughäfen in Raucherkabinen gebündelt und den Kindern öffentlich zur Warnung vorgesetzt, wie im 17. Jahrhundert die Wahnsinnigen hinter Eisenstäben.


Warum schlagen wir uns nicht die Köpfe ein? (18.05.2021)




Im Normalfall gehen wir gesittet miteinander um. Kultur entsteht, indem Sexualität und Aggressivität in Spielform überführt werden. Im Tierreich ist beispielsweise die fortwährende sexuelle Belästigung der weiblichen Tiere durch die männlichen noch immer virulent. Uns Menschen ist es jedoch gelungen, die Sexualität zu einem Spiel der Geschlechter nach komplizierten sozialen Regeln zu machen. Und für die Eindämmung unsere Aggressionen haben wir die Drohungen des Strafrechts erfunden und lagern aggressive Impulse zum Beispiel in das Feld des sportlichen Wettkampfs aus.


Warum sind wir intelligente Wesen? (19.05.2021)




Intelligenz ist die Fähigkeit zum Lösen neuer Denkaufgaben. Wir benötigen sie immer wieder, da menschliches Leben vielschichtige Anforderungen stellt und uns auch in komplizierte soziale Rollen drängt. Deshalb gibt es selbst für geistig durchschnittlich Ausgestattete noch das Trostpflaster der emotionalen Intelligenz. Nach 25-jähriger Berufserfahrung als Psychologe würde ich heute aber folgendes resümieren: Intelligenz ist Ignoranz gegenüber dem Irrelevanten.


Warum werden wir engstirnig mit dem Älterwerden? (20.05.2021)




Je älter wir werden, desto überzeugter sind wir von der Richtigkeit unserer Lebensauffassungen. Wir lassen dann nur noch gelten, was wir ohnehin schon zu wissen glauben und zeigen eine von Altersrücksichtslosigkeit kaum mehr unterscheidbare Urteilsfreudigkeit. Wie große Pflanzen unterliegen nämlich auch Menschen der Gefahr der Verholzung. Manche Menschen werden deshalb im Alter steif und knorrig wie alte Olivenbäume.


Warum macht uns ein Überangebot von Waren nicht zufrieden? (21.05.2021)




In unserer entfalteten Konsumsphäre sind es bekanntlich die Angebote, die reichlich sind, während die nachfragefähigen Bedürfnisse sich immer mehr als Knappheiten präsentieren. Wäre es anders, würde es keinen so starken Wettbewerb um die Bewirtschaftung von echten Notlagen geben. Der Mangel ist also zu einem knappen Gut geworden. Und im tiefsten Herzen wollen wir das Rare und nicht das, was man überall bekommen kann.


Warum lieben wir Zimmerpflanzen? (25.05.2021)




Haben wir unser Zuhause mit kühlem Verzicht auf Behagen und Traulichkeit eingerichtet, fühlen wir uns darin nicht wohl. Unser Auge sucht dann nach entspannendem Grün. Sobald wir Pflanzen bei uns aufnehmen, lebt unsere Wohnung auf. Im tiefsten Herzen sind wir Menschen empfänglich für Pflanzen, deren bescheidenes stilles Leben und langsames Wachstum dem unseren Ruhe gibt.


Warum wollen wir immer größere Wohnungen? (26.05.2021)




Das Wohnumfeld ist Ausdruck unserer Verhältnisse. Mit wachsendem materiellen Wohlstand meinen wir, wir bräuchten mehr Platz, um unserer Blüte eine angemessene Aura zu geben. Wenn uns damals als Kinder in einer knapp bemessenen Wohnung nur wenig Spielraum blieb und wir auch als junge Erwachsene unser Leben noch mit geringen Mitteln bestreiten mussten, glauben wir später, wir hätten bei der Wohnfläche nun Steigerungen verdient.


Warum reden wir zu viel? (27.05.2021)




Wir Menschen sind durch eine übertriebene Mitteilsamkeit charakterisiert. Wir sind bemüht, Konversationen nicht abreißen zu lassen, da auch unsere innere Rede mäandernd weiter läuft. Als sprachmächtige Wesen kann sich in uns eine Wörterflut stauen, sodass manchen die Sprache als eine Art Durchfall erwischt. Aber bereits Goethe hat erkannt: Wer vor anderen lange allein spricht, ohne den Zuhörern zu schmeicheln, erregt Widerwillen.


Warum gehen wir zuweilen ähnliche berufliche Wege wie unsere Eltern? (28.05.2021)




In früheren Zeiten ergriff ein Kind zumeist den Beruf des Vaters. Der Sohn des Müllers wurde wie selbstverständlich mit den Gegebenheiten der Mühle vertraut gemacht und das Kind des Schusters blieb bei den Leisten. Auch heute ahmen viele von uns unbewusst noch das Arbeitsmilieu der Eltern nach, da wir es als Feld ihrer größten Kompetenz erlebt haben. Als Gegengewicht gibt es aber auch den Ehrgeiz mancher Eltern, ihr schwach durchblutetes Kind zum Geschäftsführer zu erigieren.


Warum meckern wir gern? (31.05.2021)




Unser Volk ist im Murren geübt. Wenn wir meckern, verschaffen wir uns ein Gefühl von Überlegenheit, denn über Dinge, die wir ablehnen, glauben wir ja Urteile fällen zu können. Diese Sicht erzeugt das deutsche Wetter, das landesübliche Grau. Schon Heinrich Heine konnte ein Lied davon singen. Psychologisch ist es wesentlich leichter, etwas zu missbilligen als ihm zuzustimmen. Bei Rainer Maria Rilke fallen bekanntlich sogar Blätter mit verneinender Gebärde.


Warum haben wir oft falsche Vorstellungen vom Ruhestand? (01.06.2021)




Demografisch gesehen sind alte Leute gewaltig im Kommen. Die Werbung zeigt uns dabei gut erhaltene Paare auf störungsfreier Kreuzfahrt oder in milder Parkbank-Erotik. In der Realität stellt sich im Alter aber nicht automatisch Sorglosigkeit ein und manche Hoffnungen legen sich schon aus gesundheitlichen Gründen schlafen. Auf der anderen Seite kann der Ruhestand aber eine viel schönere Lebensperiode als erwartet sein, da sich ein Gefühl von Genugtuung einstellt, wenn man schon viel hinter sich gebracht hat.


Warum reden wir gern über das Wetter? (02.06.2021)




Wir alle sehen uns wechselndem Wetter ausgesetzt. Da wir es nicht wirklich beeinflussen können, machen wir nie einen Fehler, es zu beschreiben und zu bewerten. Das Wetter ist über alle Berufsgruppen hinweg ein perfektes Konversationsthema. Ob die Sonne über dem Grase brütet oder Regen uns zögern lässt, das Freie aufzusuchen - jeder hat genügend Wettererfahrung und darf demnach gleichberechtigt mitreden.


Warum essen wir zu viel? (03.06.2021)




Die meisten Menschen essen ohne allzu viel Widerwillen. Bereits im alten China sagte man: Das Essen ist der Himmel des Volkes. Wir nehmen aber nicht nur dann mehr Nahrung als benötigt auf, wenn Mahlzeiten rasch verabfolgt werden, sondern eigentlich auch dann, wenn wir gesundheitsbewusst nur eine Möhre kürzen oder einen Apfel krachen lassen. Ein psychologischer Grund liegt darin, dass die Meinungen der Menschen sich nach Mahlzeiten ändern. Durch Essen geben wir unbewusst also unseren Gedanken neue Richtung. Deshalb gibt es übrigens auch Diplomaten-Bankette.


Warum sind für uns Gerüche wichtig? (04.06.2021)




In der Luft schweben Duftmoleküle, die zu den Riechzellen unserer Nase gelangen. Dort docken sie an 350 unterschiedliche Rezeptortypen an, deren Eindrücke sich kombinieren und an unser Gehirn geleitet werden. Wir selbst geben auch Duftstoffe für unsere Artgenossen ab, die Pheromone, die unbewusst Hormone und Emotionen auslösen. Durch die enge Verzahnung des Riechens mit unseren Gefühlen bedarf es oft nur einer flüchtigen Geruchsprobe, um die Nase voll zu haben.


Warum hören wir manchmal nicht zu? (07.06.2021)




Obschon manche Menschen immer redetüchtig bleiben, stellen sich ergebene Zuhörer nicht automatisch ein. Befinden wir uns nämlich in einer elegischen Stimmung oder hängen eigenen starken Gedanken nach, reichen unsere kognitiven Kapazitäten nicht mehr aus, anderen zuzuhören. Wie es im Märchen die Tarnkappe gibt, so gibt es also im wirklichen Leben die Erscheinungskappe, die uns sichtbar macht, obwohl wir eigentlich nicht da sind.


Warum sind wir selbstkritisch? (08.06.2021)




Auf den ersten Blick wirkt es ja bescheiden und sympathisch, wenn wir uns selbstkritisch geben. Tatsächlich öffnet Selbstkritik jedoch den Zugang zum Eigensinn. Durch das Einräumen eines Fehlers als persönliche Schwäche rufen wir für sein erneutes Auftreten quasi im voraus um Verzeihung an. Interessanterweise gilt dies auch für unsere eigene Psyche. Was immer wir großmütig mit Selbstkritik markieren, können wir anschließend fortsetzen und als Marotte pflegen.


Warum brauchen wir Vorbilder? (09.06.2021)




Zwischen uns Menschen existieren Vertikalspannungen. Das heißt, wir orientieren uns nach oben und nehmen einzelne Artgenossen als Vorbilder in den Blick, die schon mehr erreicht haben als wir selbst. Wir benötigen sie als Inspiration oder Schablone für unsere eigenen Veränderungsbemühungen. Im Internet nennen wir Beobachter witzigerweise Follower. Gottlob denken von denen aber die meisten keine Sekunde lang daran, dem Star, dessen "Seite" sie besuchen, in irgend einer Weise zu "folgen".


Warum verwenden wir Ironie? (10.06.2021)




Ironie ist ein feiner Spott, mit dem wir etwas dadurch zu treffen suchen, wenn wir es unter dem augenfälligen Schein der eigenen Billigung lächerlich machen. Durch eine distanzierte, das Zeitgeschehen ironisch relativierende Weltbetrachtung geben wir uns einem Gefühl von Überlegenheit hin. Die Haltung liberaler Ironie gegenüber allem Ernstgemeinten ist aber leicht nachahmbar und entspricht in etwa der Einstellung des Kunden, der über den Markt spaziert, ohne zu kaufen. Ironische Geringschätzung ist also ein Kompromiss zwischen Anpassung und Subversion.


Warum träumen manche vom ewigen Leben? (11.06.2021)




In letzter Zeit hört man immer öfter von Forschungen vor allem aus dem Silicon Valley, bei denen unsere Alterungsprozesse gestoppt werden sollen durch genetische Eingriffe, neue Medikamente und Nanoroboter für Zellreparaturen. Offenbar sehen diese Forscher den Tod ungern und versprechen sich unaufhörliches Glück durch frivole Langlebigkeit. Bei psychologischer Betrachtung ist es eigentlich bedeutungslos, unsterblich zu sein. Vom Menschen abgesehen sind es alle anderen Geschöpfe nämlich bereits, da sie vermutlich das eigene Altern nicht erfassen.


Warum weinen wir Freudentränen? (14.06.2021)




Entgegen landläufiger Meinung, ist Weinen gar kein Ausdruck von Trauer, sondern von Machtlosigkeit. Sobald wir uns ohnmächtig gegenüber starken emotionalen Momenten fühlen, versucht der Hypothalamus im Gehirn, uns an diese Belastung anzupassen. Tränen können dann das emotionale Gleichgewicht wieder herstellen, weil sie Gefühle quasi in Körperreaktionen umwandeln und abfließen lassen. Einige Menschen bleiben dann jedoch auf ihren Tränensäcken sitzen.


Warum sind wir gern im Wald? (15.06.2021)




Der moderne Mensch empfindet sich nicht mehr als Bewohner der Natur, sondern als ihr Deserteur. Dennoch tragen wir unser altes evolutionäres Erbe als Waldwesen in uns und versuchen uns mit ihm wieder zu verbinden. Wo wir hausen, grenzt Wald an. Von Zeit zu Zeit möchten wir ihn betreten, da wir ihn als offenen Neugier- und Überraschungsraum betrachten wollen. In Deutschland muss es uns natürlich noch gelingen, den strammgestandenen Kiefern und Fichten ihr Preußentum auszutreiben.


Warum haben wir ein angespanntes Verhältnis zu unseren Schwiegereltern? (16.06.2021)




Psychologisch muss man unterscheiden zwischen der naturwüchsigen Familie und der erworbenen. Mit unserer eigenen Herkunftsfamilie teilen wir gemeinsame Gene und sind einander seit Jahrzehnten vertraut. Die Schwiegereltern hingegen beurteilen wir nicht nur aufgrund unserer eigenen Erfahrungen, sondern auch durch Erzählungen mit der Brille unseres Partners. Wir befinden uns dann in einem Loyalitätskonflikt zwischen der kritischen Sichtweise unseres Partners und unserem eigenen Eindruck von eigentlich recht netten Leuten.


Warum gucken wir manchmal grimmig? (17.06.2021)




In unseren Gesichtern spiegeln sich innere Vorgänge wider. Sobald wir aus einem Zustand der Entspannung in den von sorgenvoller Gedankentätigkeit umschalten, verfinstert sich unsere Mine alttestamentarisch. Die zahlreichen Gesichtsmuskeln zeigen aber nicht nur unsere Emotionen, sondern auch den körperlichen Gesamtzustand. Ballen wir unsere Fäuste, ballt sich auch unser Gesicht und erweckt faltig den Eindruck, als prüfe es hinter der Stirn eine komplizierte Rechnung, die nicht aufgehen will. Öffnen wir dann langsam unsere Handflächen, entspannt sich gleichzeitig unsere Mimik.


Warum entwickeln wir ständig Theorien? (18.06.2021)




In unserem Bemühen, die Welt zu verstehen und für uns handlich zu machen, erschafft unser Geist ständig Konstrukte. Dabei kümmern sich oft die Naturwissenschaften um die lösbaren Probleme und die Geisteswissenschaften um die unlösbaren. Manche ihrer Theorien sind sogar so kompliziert formuliert, sodass man lange braucht um zu begreifen, dass sie zu einfach sind. Theoretisch hat hier Theorie etwas mit Praxis zu tun, praktisch aber nicht.


Warum lassen sich einstmalige Partnerschaften schlecht aufwärmen? (21.06.2021)




Ist uns eine Partnerschaft misslungen oder sind wir gar in die Ehefalle getappt, bleibt auch nach deren Ende die Spur der Probleme miteinander bestehen. Die Trennung erfolgte ja nicht grundlos. Hatten wir beispielsweise eine anhaltend strittige Beziehung geführt oder damals den ganzen Winter hindurch Mühe gehabt, mit einer Psychotherapie unserer zerrütteten Ehe nachzukommen, dürfen wir nicht erwarten, dass beim zweiten Versuch alles auf Null gesetzt werden kann. Dafür ändern sich Menschen zu wenig.


Warum singen wir Nationalhymnen? (22.06.2021)




Nationalhymnen sollten im 19. Jahrhundert Freiheitspathos und Gemeinschaftsgefühle beschwören. Heute fällt bei Sportturnieren auf, dass Athleten aus Südamerika ihre Hymnen mit einer Hingabe schmettern, als seien die heroischen Werte von Freiheit und Unabhängigkeit von ihnen noch in unmittelbarer Zukunft zu erobern. Franzosen, Engländer und Amerikaner hingegen sehen beim Hymnensingen eher wie säkulare Mönche im Morgengebet aus - ohne Ekstase, aber mit republikanischer Würde. Deutsche Sportler wirken in dieser Situation oft, als hätte ihnen jemand empfohlen, mit nachdenklicher Miene und verhaltenen Lippenbewegungen die Tiefe des Textes auszuloten.


Warum haben wir Mitleid? (23.06.2021)




Durch Spiegelneuronen im Gehirn vermögen wir als Beobachter uns in das Leid von Mitmenschen einzufühlen. Zudem existiert seit der Epoche der Aufklärung eine Assoziation zwischen Rollen wirtschaftlicher oder sozialhierarchischer Unterlegenheit und einem moralischen Bonus mit der Behauptung, Leiden verdiene Mitleid und Unterstützung. Beispielsweise sollen die Gesichter von Bettlern einen überwältigenden Grad von Not in den Vordergrund zu rücken. Das ist quasi ihr Beruf. Ob diese Gesichter vielleicht die Masken eines in Wirklichkeit mehr oder weniger mühelosen Geldverdienens sind, ist nicht entscheidend, denn ihnen geht es auf jeden Fall schlechter als uns.


Warum bemerken wir Frisurveränderungen beim Partner kaum? (24.06.2021)




Unsere Gesichterwahrnehmung ist immer ganzheitlich und darauf gerichtet, Menschen wieder zu erkennen und deren Emotionen zu erfassen. Hierfür spielt die Frisur faktisch keine Rolle, weshalb wir sie nur mit flüchtigem Blick registrieren. Eigentlich ist es also eine fast überflüssige Verausgabung, mit unseren Haaren beschäftigt zu sein. Ob wir glättend darüber streichen oder unser Witterhaar wie Seeleninneres aufgewühlt ist: Für unsere Mitwelt macht es kaum einen Unterschied und unser Haar gefällt sich in immer neuen Zufällen.


Warum schleichen sich manche aus Beziehungen? (25.06.2021)




Das stille Ausschleichen aus Beziehungen hat seine Ursache in der Furcht mancher Menschen, eine gewünschte Trennung offen zu kommunizieren. Aus Scham oder Angst vor den Reaktionen des Partners möchte man beim Ghosting wie ein Geist verschwinden. Soll eine Beziehung keinen Bestand mehr haben, machen sich manche einfach aus dem Staub, da sie sich scheuen, die in der Beziehung entstandenen Misshelligkeiten zu reflektieren.


Warum schießen wir ständig Fotos? (28.06.2021)




In vergleichsweise kurzer Zeit haben es Smartphones geschafft, zu unseren treuesten Begleitern zu werden. Seit sich uns jederzeit eine Kamera-App öffnet, fotografieren wir fast habituell. Letztlich handelt es sich hier um elektronische Erinnerungsproduktion. Denn Menschen neigen dazu, bestimmten Momenten im Erleben eine besondere Bedeutung zuzuweisen und diese später erneut abrufen zu wollen. In gespeicherten Wahrnehmungen erfüllt sich der archaische und nie verblasste Versuch, das existenzielle Gesetz von der Unumkehrbarkeit der Zeit aufzuheben.


Warum wollen wir die Natur beherrschen? (29.06.2021)




Indem wir der Natur zusetzen, können wir uns der Illusion hingeben, wir seien als Krone der Schöpfung wirkmächtig, sie unserem Willen zu unterwerfen. So haben wir durch das Ausbringen von Kunstdünger unser Getreide von Drogen abhängig gemacht. Aber auch in der Tierhaltung möchten wir der Natur beikommen, beispielsweise Legeprozesse rationalisieren und am liebsten das würfelförmige Huhn züchten. Letztlich steckt dahinter also auch unser Hunger nach Macht.


Warum lesen wir Horoskope? (30.06.2021)




Wir lieben es, uns von höheren Mächten umgeben zu glauben. Lesen wir Horoskope, suchen wir darin Lobpreisungen für unsere Stärken und Rechtfertigungen für unsere Schwächen. Ich selbst bin beispielsweise nicht wiedergeboren, sondern widdergeboren. Das heißt, ich erblickte im Monat April, vom Widder gestoßen, das Licht dieser Welt. Wenn ich mir dessen Charakteristika zuschreibe, dann kann ich mich als Juniorpartner des Universums wichtig nehmen. Horoskope bedeuten für uns also die Indienstnahme der Himmelskörper als persönliche Konjunkturbarometer.


Warum "liken" wir im Internet? (01.07.2021)




Mit den sozialen Medien haben Selbstdarstellungen von Persönlichkeit und gesellschaftlichen Rollen deutlich an Kontur gewonnen. Dabei wirkt das Internet wie ein Outlet-Store für Meinungswaren. Allein schon etwas zu "liken", wird zu einem Instrument der Selbstpräsentation. Wir geben dadurch kund, wie unser Geschmack verläuft. Das "Liken" wird also bereits als Form der sozialen Teilhabe angesehen. Wir sammeln uns hier um digitale Lagerfeuer.


Warum achten wir auf die Schuhe unseres Gegenübers? (02.07.2021)




Interessanterweise erlauben uns Schuhe einige Rückschlüsse auf die Person. Sie zeigen uns das Milieu, in dem sich der Träger verankert wissen möchte. Sind die Schuhe sehr klassisch oder von ländlichem Zuschnitt, wird ein konservativer Ton gesetzt. Sportschuhe hingegen begünstigen eine tänzerische Beweglichkeit und beschwören ein Bild von gewünschter Jugendfrische. Trägt jemand schadhaftes Schuhwerk, wird dadurch die Sympathie gegenüber verarmten Schichten der Gesellschaft nicht unkenntlich gemacht.


Warum bekommen wir gute Laune, wenn die Sonne scheint? (05.07.2021)




Durch helles Sonnenlicht wird die Produktion des uns müde machenden Hormons Melatonin gestoppt und stattdessen kommt unsere Vitamin-D-Synthese in die Gänge. Dadurch werden wir aus dem Darkroom unseres Gemütes gelockt und unseren wogenden Gefühlen wird eine heitere Farbspur beigemischt. Sowohl physikalisch als auch psychologisch gilt: Wenn man sich zur Sonne wendet, fallen die Schatten nach hinten.


Warum sind wir kreativ? (06.07.2021)




Wenn heute von "Kreativen" die Rede ist, denkt man meistens an Werbeagenturen. Dabei ist eigentlich die Kreativität von uns allen schwerelos, denn der menschliche Geist muss sich an verschiedenste Umweltbedingungen anpassen, indem er gesetzte Rahmen sprengt und dadurch immer wieder neue Lösungen findet. Die Flugtauglichkeit des Besens unserer Fantasie hat sich bewiesen. Hier noch ein Hinweis für fortgeschrittene Profis: Die Launen von Kreativen bekommen ein Upgrading, wenn sie sich als Obsessionen ausgeben.


Warum fahren wir gern mit Booten? (07.07.2021)




Das Gleiten über Wasser löst in uns Bedächtigkeit aus. Wir werden vielleicht unbewusst an die Zeit im Mutterleib erinnert, als wir im Fruchtwasserfrieden schwebten. Zudem fasziniert uns der Erfindungsreichtum des menschlichen Geistes, uns Landsäugetieren zu ermöglichen, selbst auf dem Meer seetüchtig zu kreuzen. Zumindest die Angeber unter uns können inzwischen Knoten schlagen und dichtholen. Das Belegen einer Klampe, das Aufschießen einer Leine geht uns von der Hand. Wir können die Betonnung des Fahrwassers lesen und seemännisch Kurs nehmen.


Warum machen wir uns Geschenke? (08.07.2021)




Durch Geschenke möchten wir einander eine Freude machen oder uns wechselseitig gewogen halten. Mit dem Erhalt eines Geschenkes wächst im Empfänger nämlich eine innere Unruhe, die zu einem Ausgleich durch eine Gegengabe strebt. Dies funktioniert sogar bei völlig nutzlosen Präsenten, die man Staatsmännern macht. Gern schickt man hier ein Mädchen und einen Junge in Tracht vor, die sich verbeugen, knicksen und dem Präsidenten sinnreiche Geschenke überreichen: einen Tannensetzling, einen Korb voller Eicheln, ein altglänzendes Waldhorn.


Warum glauben wir, die Zeit würde immer schneller vergehen? (09.07.2021)




Mit zunehmendem Lebensalter gibt es immer weniger Wellenschlag aus der Ereignissphäre. Das heißt, wir erleben weniger Aufregendes und segeln überwiegend unter sanftem Wind. Da unser Gehirn keine Veranlassung sieht, gleichförmigen Abläufen viel Aufmerksamkeit zu schenken und neu abzuspeichern, haben wir das Gefühl von vorbeifliegenden Jahren. Mitunter setzt dann sogar ein allmähliches Vergessen ein. Es gehört also zur Ironie des Älterwerdens, dass man sich fragt, wie viel Vergangenheit einem noch bleibt.


Warum haben wir Fernweh? (12.07.2021)




Empfinden wir unsere Lebenswelt als gleichförmig, träumen wir von neuen Inspirationen in der Ferne. Wer sich reiselustig gibt, kann sich später in Anekdoten aus kreuzqueren Reisen auslassen. Uns beflügelt demnach der Wunsch nach Erfahrungen einer bisher nicht gekannten Natur und ihrer Bewohner. Wenn wir uns mit Reiseplänen tragen, wollen wir also besonders gründlich unserem engen Alltag entfliehen.


Warum schminken sich viele? (13.07.2021)




Bereits in früheren Kulturen versuchten Menschen, ihre Gesicht mit allerlei Mitteln aufzufrischen. War ein Mund geräumig geschminkt, sollte dadurch eine Sinnlichkeit betont oder ein erotisches Signal ausgesendet werden. Allerdings wurde und wird von Frauen oft übersehen, dass viele Männer eher Natürlichkeit bevorzugen. Beispielsweise werden durch roten Lippenstift ja leider die roten Lippen verdeckt. Falls wir gar einmal eine gespenstisch aufgeputzte Greisin sehen, sollten wir als Gegenentwurf uns selbst sagen: Ich altere in Schönheit.


Warum können wir Schweigen nur schwer ertragen? (14.07.2021)




Wir Menschen sind kommunikative Wesen und für Stille fehlt es uns an Gehör. Sind wir zusammen und jeder schweigt etwas anderes, werden wir nervös, denn wir werten dann das Schweigen oft als Ablehnung unserer Person und möchten natürlich auch unserem Gegenüber signalisieren, dass wir uns für seine Belange interessieren. Damit der Andere gar nicht erst auf kritische Gedanken kommt, versuchen wir sicherheitshalber, die Stille knapp zu halten und Konversationen nicht abreißen zu lassen.


Warum lehnen wir als Teenager unsere Eltern ab? (15.07.2021)




Im Regelfall haben die Eltern uns mit den notwendigen Waffen für den Lebenskampf gerüstet. Gleichwohl empfinden wir als Teenager unsere Altersphase als besonders krisenhaft und haben damit Recht wegen gleichzeitiger Belastungen in Schule, Berufsfindung, Geschlechtlichkeit und sozialer Gruppe. In der Regel verfehlen wir dann nicht, einen kausalen Nexus zwischen unserer Kindheit und unserem desperaten Leiden herzustellen. Das heißt, wir machen die Lebensweise in unserem Elternhaus mitverantwortlich für unsere aktuelle Unzufriedenheit und versuchen dann maximale Abgrenzung.


Warum trinken wir Alkohol? (16.07.2021)




Obwohl es sich ja um ein Nervengift handelt, greifen viele Menschen gern zur Flasche. Wir werden durch Alkohol enthemmt und das Gesicht unseres Gegenübers kommt uns dann irgendwie symmetrischer vor. Manche sind überzeugt, sie bräuchten den Alkohol zur Erhaltung und Erneuerung ihrer Spannkraft, an die starke Ansprüche gestellt sind. Allerdings kenne ich als Psychologe auch sozial schwache Milieus, in denen Frauen trinken, um zu ertragen, dass ihre trinkenden Männer sie verprügeln. Und die Männer schlagen ihre Frauen mit der Begründung, diese würden zu viel trinken. Sobald Alkohol also Aggressivität fördert, lässt man besser die Finger davon.


Warum verlieben wir uns? (19.07.2021)




Ungeachtet romantischer Vorstellungen, ist Verlieben vermutlich kaum mehr als das Bemühen, zu zweit ein Fleisch zu werden. Menschen sind zwar durchaus in der Lage, die sich immerfort erneuernde Lust vorübergehend mit schneller Hand abzutöten. Jedoch versprechen wir uns gesteigerte Freuden, wenn wir eine Pilgerfahrt zur Insel der Liebe unternehmen. Nüchtern betrachtet, bedeutet Verliebtsein bei den meisten Menschen letztlich nichts anderes, als dass ein anderer Mensch in unsere erotische Schusslinie geraten ist.


Warum haben wir Heimweh? (20.07.2021)




Aus Sehnsucht nach Zuhause können wir in der Ferne unter Melancholie und Abzehrung leiden. Dabei richtet sich Heimweh vor allem auf verlorene Gemeinschaften, weshalb sie bei Kindern fern vom Elternhaus stärker wirkt als unter erwachsenen Migranten, die sich oft bereits als ganze Gruppe ohne Stocken von ihrer Heimat losgesagt haben. Hinzu kommt, dass wir alles nach der Elle unserer Herkunftsregion vermessen, denn jede deutsche Stadt fühlt sich als ein Kulturzentrum von historischer Eigenwürde.


Warum verbringen wir Familienfeste mit Essen? (21.07.2021)




Bei Familienfesten werden Mahlzeiten rasch verabfolgt. Mit dem Thema Essen glauben wir den kleinsten gemeinsamen Familiennenner gefunden zu haben. Solange wir essen und trinken, können wir jeder vernünftigen Unterhaltung aus dem Weg gehen. Auch wenn wir soeben erst mit Mühe ein weiteres Gericht in unserem Magen verstaut haben, rückt doch stets bald die nächste Mahlzeit heran. Denn sobald wir ganz im Kauen verloren sind, blicken wir mit größerer Milde aufeinander und glänzen pausbäckig-gesund.


Warum setzen wir Erziehungstipps nicht um? (22.07.2021)




Obwohl uns Erziehungstipps oft den Rat geben, mit Strenge unsere Kinder zurück zu pfeifen, können wir uns dennoch nicht dazu überwinden. Auch wenn ein Kind die Erde nach Feldmäusen durchwühlt zu haben scheint, schrecken wir davor zurück, unser Verhältnis zu ihm durch Sanktionen zu gefährden. Unsere Töchter und Söhne haben ja mit beiden Händen Zutrauen zu uns gefasst. Und im Zweifel siegt gegenüber Kindern, die wir selbst ins Leben gerufen haben, immer unsere Liebe.


Warum mögen wir Gartenarbeit? (23.07.2021)




Machen wir uns in einem Garten zu schaffen, gehen wir in Verbindung zu Mutter Erde. Wir nehmen Fühlung auf zu den Pflanzen, die sie hervorbringt und können ihr Gedeihen als Frucht unserer Fürsorge interpretieren. Unser Fleiß vermag Unkraut zu tilgen und Wiesen abzuschlagen. Dennoch ist in manchen Gärten der größte Schädling der Gärtner. Dies ist dann der Fall, wenn es an Demut vor der Natur fehlt. Besitzen wir sie jedoch, dürfen wir nach getaner Arbeit auch faul entspannen und wir liegen, von Mücken gestochen, vom Vieh schon berochen, im Klee.


Warum möchten wir nicht auf Kaffee verzichten? (26.07.2021)




Viele sind sich einig, dass nur durch Kaffee ein guter Tag Fahrt aufnehmen kann. Tatsächlich verdrängt dessen Koffein in unserem Gehirn den müde machenden Botenstoff Adenosin von den Nervenzellrezeptoren. Dadurch wird unsere Konzentration gefördert sowie Antrieb und Stimmung gehoben. Hinzu kommt der schöne Entspannungsmoment einer uns zustehenden Kaffeepause. Zugleich sieht man sich durch eine Kaffeemaschine instand gesetzt, jederzeit eine bescheidene Gastlichkeit üben zu können.


Warum gehen manche zum Schönheits-Chirurgen? (27.07.2021)




In der Regel hat man sich selber jünger in Erinnerung. Gewinnen wir den Eindruck, dass sich im sichtbaren Bereich unseres Körpers nicht alles mehr in bester Ordnung befindet, legen sich manche unter das schönheitschirurgische Messer. So können wir neunzig Jahre alt werden, während einige Teile von uns wesentlich jünger sind. Wir wollen den Anschein erwecken, noch immer freudig bei Kräften zu sein. Allerdings hört man selten einen Satz wie: "21 Schönheitsoperationen halfen ihr, sich endlich so zu akzeptieren, wie sie ist."


Warum spielen wir? (28.07.2021)




Spielen ist ein Naturtrieb, durch den wirklichkeitsfremde Wünsche erfüllt werden können. Beispielsweise besitzen wir in Computerspielen einzigartige Kräfte und Fähigkeiten. Zweitens üben jüngere Artgenossen das Leben der Erwachsenen. So erwerben schon Tierkinder durch das Spielen Fertigkeiten für das Überleben in der Wildnis wie Anschleichen, Jagen, Kämpfen und Entkommen vor Fressfeinden. Drittens führt das Aufgehen in einem Spiel zu einer Selbstvergessenheit, welche Alltagsfrust kompensiert und Langeweile vertreibt. Deshalb ließen bereits frühere Generationen den Würfelbecher von Hand zu Hand gehen.


Warum verändert sich unser Schlafverhalten? (29.07.2021)




Grundsätzlich unterscheidet man in der Chronobiologie zwischen frühaufstehenden Lerchen und spätaufstehenden Eulen. Jedoch rückt unser Schlafrhythmus mit dem Älterwerden nach vorn und durch reduzierte körperliche Betätigung nimmt das Schlafbedürfnis insgesamt ab. Kam es in jungen Jahren also vor, dass wir gegen 11.30 Uhr morgens aus dem Schlaf hochgeschreckt sind, können wir später sogar mittags, kaum dass unser Kopf das Kissen berührt, in einen gründlichen Schlaf fallen. Zuweilen werden wir sogar früher wach als wir Schlaf finden.


Warum streben wir ins Weltall? (30.07.2021)




Die Erde ist der bewölkte Planet. Aus psychologischer Perspektive interpretieren wir die Sterne nicht als leuchtende Körper, sondern als Löcher im Mantel der Nacht, durch die das Licht einer anderen Welt in das von uns bewohnte Dunkel einstrahlt. Das heißt, wir versprechen uns ungekannte Erfahrungen außerhalb unserer Sphäre. Bislang sind wir im Weltraum noch recht unbewandert und wenn durch Wolkenlücken der Nachthimmel sternt, sehen wir vorerst dort bestenfalls unsere eigenen zivilen und militärischen Satelliten, die uns fürsorglich umkreisen.


Warum sind wir unaufrichtig? (02.08.2021)




Man muss unterscheiden zwischen den kleinen Alltagslügen wie bei der Antwort auf die Frage nach dem Wohlbefinden und systematischen Unaufrichtigkeiten, die letztlich immer dem Eigennutz dienen. Wenn man genauer darüber nachdenkt, wird eigentlich in nahezu allen Lebensbereichen zwischen 9.00 Uhr und 17.00 Uhr nie ganz die Wahrheit gesagt. Phasen größerer Aufrichtigkeit gibt es davor und danach. Der große Vorteil des Ehrlichseins ist, dass wir uns nicht merken müssen, wem wir welche Lüge erzählt haben.


Warum fällt es uns schwer, mit Fremden ins Gespräch zu kommen? (03.08.2021)




Wir Deutsche gelten gemeinhin als spröde und für Smalltalk nicht durchweg zugänglich. In gewisser Weise ist dies auch ein Ausdruck unserer disziplinierten Höflichkeit, da wir niemandem lästig fallen wollen. Hinzu kommt, dass der deutsche Humor nicht auf den festesten Füßen steht und damit der Zugang zu Lockerheit erschwert ist. Selbst unter Nachbarn richten wir oft nur einige formelhafte Fragen an einander, erkundigen uns nach Gesundheit und Familie und nehmen die Antworten mit dem lebhaften Kopfnicken scheinbar sachlicher Beteiligung entgegen.


Warum legen wir alte Fehler nicht ab? (04.08.2021)




Wir alle haben im Laufe des Lebens fast nichts an unserer Fehlerhaftigkeit eingebüßt. Der Grund liegt darin, dass wir nur dasjenige wirklich ändern, was überhaupt nicht mehr funktioniert. Nur echte Not bewirkt Wandel. Kommen wir hingegen mit unseren alten Fehlern weiter durch, sparen wir Energie, indem wir unbeirrbar bleiben wie ein Knochenfisch, der in den Verliesen der Tiefsee allen Versuchungen durch Evolution widerstanden hat.


Warum sind wir höflich zueinander? (05.08.2021)




Wir üben uns in Höflichkeit, um uns einander gewogen zu halten und dem Anderen zu signalisieren, dass man auf offenen Kampf gegen ihn verzichtet. Sie ist auch ein Ausdruck der verbalen Fellpflege. Denn durch höfliche Floskeln wertschätzen wir einander und markieren unsere Bereitschaft, gesellschaftliche Spielregeln zu akzeptieren. Auf verhaltenspsychologischer Ebene bedeutet Höflichkeit einfach, den Ton zu senken. Alles übrige folgt aus dem Leisewerden.


Warum streiten Menschen vor Gericht? (06.08.2021)




Natürlich ist es gut, dass wir in einem Rechtsstaat die uns zustehenden Ansprüche notfalls einklagen können. Dennoch bedeutet ein Rechtsstreit letztlich eine Kapitulation vor unseren natürlichen Konfliktlösungsfähigkeiten. Haben wir uns ineinander verbissen, übertragen wir quasi einer dritten Person in Gestalt eines Richters, der uns persönlich nicht kennt, die Hoheit, über uns ein Urteil zu fällen. Steht uns hier ein Anwalt zur Seite, lebt er vom Streitwert; ihm ist Streit also viel wert. Aus psychologischem Winkel ist das Amtsgericht demnach eine Stätte ausgeklügelter Rechthaberei.


Warum schlafen wir? (09.08.2021)




Dass die gütige Natur den Schlaf bereithält, ist ein dankenswerter Umstand. Denn abgesehen von hirnorganischen Aktivitäten besitzt er eine evolutionäre Funktion. Körperliche Ruhigstellung ist nämlich im Tierreich ein Selektionsvorteil, wenn man sich vor Verfolgern schützen muss. Schlafen ist hier eine sinnvolle Überlebensstrategie in der Dunkelheit, wenn vielfältige Gefahren lauern. Nur durch Einschlafen lässt sich dann stundenlang inaktiv und ruhig an einem geschützten Ort verharren. Womöglich schützt auch uns Menschen das Schlafen davor, zu viel Quatsch zu machen oder unsere Gedankenkreise heiß laufen zu lassen.


Warum lieben wir Serien? (10.08.2021)




Die meisten Menschen entscheiden sich statt eines Engagements lieber für ein Abonnement. Haben wir uns dann einmal zur monatlichen Entrichtung des Streamingpreises durchgerungen, möchten wir ihn gut ausnutzen. Eine Serie bietet hier viele Stunden. Aber im Gegensatz zu Filmen, die eine Handlung auf einen Höhepunkt hin aufbauen, wird in Serien eine Geschichte einfach immer weiter erzählt. Sie erscheint uns damit authentischer und wir sind eher bereit, darin Parallelen zu unserem eigenen Leben zu sehen. Zudem spiegeln Serien den aktuellen Zeitgeist einer Kultur. In arabischen Liebesfilmen und Tele-Novelas scheinen beispielsweise die Araberinnen im Bett doppelt so viel anzuhaben wie westliche Frauen auf der Straße.


Warum schlägt uns schlechtes Wetter auf das Gemüt? (11.08.2021)




Trübes Wetter zwingt uns, im seelischen Innendienst zu arbeiten. Solange nur ein spärlicher Regen den Schauplatz unseres Lebens netzt, mag es hingehen. Bleibt die Wetterlage jedoch konstant schlecht, beginnen wir uns ebenfalls einzutrüben. Die Vitamin-D-Synthese ist eingeschränkt, die Melatoninproduktion läuft und schlechtes Wetter lässt uns zögern, schöne Plätze außerhalb unserer Wohnung aufzusuchen. Wird die mystische Übereinstimmung mit allem zu groß, sagt man innerlich nicht mehr "es regnet", sondern "ich regne".


Warum finden wir Sicherheitskontrollen unangenehm? (12.08.2021)




Niemand lässt sich gern durchleuchten. Denn es misshagt uns, fremden Menschen Einblick in persönlichen Gegenstände und unsere unmittelbare Körpernähe zu gewähren. Außerdem sind wir von Sicherheitskontrollen nicht restlos überzeugt. Sie wirken nämlich oft wie Eulenspiegeleien, wenn beispielsweise Security-Mitarbeiter an Flughäfen wie bezahlte Schelme so tun müssen als glaubten sie im Ernst, dass eine nach Rosen duftende halbvolle Handcremedose eine Flüssigbombe sein könnte. Noch ärgerlicher wird es, wenn diese dann zur Verbesserung der Flugsicherheit vom Gepäck in die Security-Tonne wandert.


Warum halten Politiker ihre Reden mit schreiender Stimme? (13.08.2021)




Politiker halten ihre Reden oft als müsse ein Machtwort gesprochen werden. Der Grund für ihre gehobene Stimme liegt in der Überschätzung der eigenen Bedeutsamkeit. Denn Politiker meinen, sie seien Traktoren, welche Millionen widerwillige Landsleute hinter sich über den Acker schleppen. Außerdem sollen durch schreiende Stimmlagen die eigenen Parteigänger mitgerissen und die Gegner eingeschüchtert werden. Es ist übrigens erstaunlich, von wie knappen Vorräten an fertigen Sätzen man in der Politik leben kann. Diese immer gleichen programmatischen Sätze werden bis zur Besinnungslosigkeit wiederholt und sollen durch eine laute Stimme wenigstens unterstrichen werden.


Warum interessieren wir uns für Adlige und Monarchen? (17.08.2021)




Nicht wenige Angehörige des europäischen Hochadels weigern sich hartnäckig, ausgestorben zu sein. Es existieren noch zwölf Monarchien in Europa, die mit ausführlichen Berichten über gegenseitige Besuche bedacht werden. Dabei interessieren sich die Adligen und Monarchen für weite Teile der Bevölkerung weit weniger als wir uns für sie interessieren. Sie repräsentieren nämlich für uns eine gute alte Zeit und sind Projektionsflächen unserer Fantasien eines Lebens in Reichtum und Familienzusammenhalt. Aber auch lange Stammbäume lassen sich entblättern.


Warum haben wir Angst vor Spinnen und Schlangen? (20.08.2021)




Im Garten unserer Seele sprießen Ängste wie Unkraut. Oftmals fürchten wir uns vor dem, was bereits unsere Eltern ängstigte oder was sich in unserer Stammesgeschichte als potenziell gefährlich erwiesen hat. Außerdem irritiert bei Spinnen und Schlangen die völlig fremde und für uns schlecht vorhersagbare Fortbewegung. So können Spinnen ihre acht Beine unabhängig voneinander bewegen. Und Schlangen können eben nicht nur über den Boden schlängeln, sondern durch kräftige Muskeln ihren vorderen Körper heben. Das beste Mittel gegen alle Ängste ist übrigens die Gleichgültigkeit.


Warum unterliegen wir Täuschungen? (24.08.2021)




Dem Menschenverstand macht man oft das unverdiente Kompliment, ihn den "gesunden" zu nennen. In Wirklichkeit ist er jedoch ausgesprochen bequem und zieht für gewöhnlich nur das in Erwägung, was schnellen Einordnungen sowie Mustererkennungen dient. Wir meinen dann, es verstanden zu haben, womit das Täuschungsrisiko steigt. Sogar unsere wissenschaftlichen Theorien sind oft Übereilungen eines ungeduldigen Verstandes, der die Phänomene innerlich gern loswerden möchte.


Warum vergessen wir wichtige Termine? (30.08.2021)




Die Psychoanalyse will wissen, dass es sogenannte Fehlleistungen gibt, die auf unbewusster Ebene durchaus Sinn stiften. Auch beim vorübergehenden Vergessen manifestieren sich demnach unbewusste Regungen. Das heißt, wir vergessen beispielsweise diejenigen Termine, die wir im tiefsten Herzen unangenehm finden und eigentlich nicht wahrnehmen möchten. Beispielsweise gibt es Menschen, die staatlich-amtlichen Dingen nur geringe Aufmerksamkeit zu schenken gewohnt sind. Aus innerer Abwehr üben sie dann, alle Vorsicht vergessend, in diesen Dingen eine gewisse Nachlässigkeit.


Warum leben wir ungern mit Schulden? (31.08.2021)




Wer mit Schulden stirbt, hat Gewinn gemacht. Solange wir jedoch leben, ist ein Gläubiger im Nacken ein ständiger Unruheherd. Wir fühlen uns unfrei, da wir Unangenehmes vom Tisch haben möchten und es uns ein befriedigendes Gefühl gibt, quitt zu sein. Demgegenüber werden in der Kreditwerbung spontane Wünsche mit einer Legitimationskraft ausgestattet als seien sie hinzunehmende Naturereignisse. Aber hier gilt die Daumenregel: Hast du einen 30.000-Euro-Kredit, gehörst du der Bank. Hast du einen 300-Millionen-Euro-Kredit, gehört die Bank dir.


Warum träumen wir? (01.09.2021)




Sigmund Freud meinte, in unseren Träumen sprächen sich unbewusste Wünsche aus. Beispielsweise wird eine Person, die unsere Liebe im realen Leben nicht erwidert, uns in Träumen fasslich. Wissenschaftliche Forschung sieht im Traum eher eine emotionale Verarbeitung von Erlebtem oder eine virtuelle Realität, in der wir Verhaltensmuster durchspielen und einüben können. Vielleicht sind Träume aber auch nur zufällige Verknüpfungen von Erinnerungen. Was wir irgendwo schon einmal gesehen haben, wird miteinander kombiniert, auch Monster oder die Fähigkeit zum Fliegen. Demnach kommt uns in Träumen nicht wirklich Neuland in Sicht.


Warum halten wir gute Vorsätze schlecht durch? (02.09.2021)




Wir sehen uns gern mit fanatischen Vorsätzen in den Augen. Allerdings lässt unser Durchhaltevermögen dann zu wünschen übrig. Der Grund liegt darin, dass es uns Menschen vergleichsweise wenig Mühe kostet, Pläne zu schmieden, jedoch erweist sich deren Umsetzung oft als zäh und wir suchen dann Abrückung durch einen neuen Fokus. Grundsätzlich ist es im Leben viel wichtiger, in den Teller hinein zu schauen als immer nur über den Tellerrand hinaus.


Warum sind wir oft unzufrieden? (03.09.2021)




Menschen sind oft unzufrieden, weil sie gedankenverloren sind. Wir verlieren die Konzentration auf das Schöne im Leben, wenn wir Wünschen oder Verlusten nachhängen, wenn wir Liebe missen oder Rache suchen, oder wenn wir unschlüssig sind zwischen Böse und Gut. Hier hilft es, dem uns Gegebenen zuzustimmen. Innere Ruhe heißt: Pulsieren mit der Erde.


Warum lieben wir Rabatt-Aktionen? (06.09.2021)




Wir Menschen sind biologische Beutegreifer und lauern wie andere Raubtiere auf Beute. Jedoch reißt ein Löwe nicht die allerfitteste Antilope aus der Herde, sondern die leichter zu erlegene langsamste. Nach dem gleichen Muster springen wir bei Sonderangeboten an. Sobald sich uns eine Möglichkeit zum Sparen bietet, glauben wir uns im Vorteil gegenüber unseren Artgenossen und meinen diese ressourcenschonende Gelegenheit beim Schopfe packen zu müssen. Hier kommen also alte evolutionäre Module ins Spiel, die durch geeignete Auslöser auch heute noch anspringen.


Warum fällt uns das Bewahren von Geheimnissen schwer? (07.09.2021)




Wer Interessantes zu berichten hat, wird von anderen wohlwollend wahrgenommen. Der Reiz des Geheimnisverrats besteht also darin, bei mehreren Menschen Gehör zu finden und deren Neugier zu befriedigen, wohingegen das Bewahren von Geheimnissen nur die Bindung zum Anvertrauenden stärkt. Die Kenntnis einer Versuchung schützt uns nicht davor, ihr zu erliegen. Nicht jeder besitzt hier die Kraft, sie innerlich niederzukämpfen.


Warum tanzen wir? (08.09.2021)




Musik ist tänzerisch zu den Muskeln redend. Wird uns ein Rhythmus vorgegeben, brauchen wir nur in ihn hinein zu gehen, um unseren Körper als harmonische Ganzheit zu erleben. Das heißt, Tanzen erfasst unseren gesamten Körper und lässt ihn uns als Einheit wahrnehmen. Hat uns eine Musik tanzlustig gestimmt, können wir uns selbstvergessen bewegen. Deshalb findet sich in jeder noch so archaischen Kultur wenigstens ein stampfender Rundtanz.


Warum fällt uns Zusammenarbeit manchmal schwer? (09.09.2021)




Wir leben in einer Zeit wachsender individueller Unabhängigkeit und schwindender kollektiver Verpflichtungen. Deshalb bereitet es uns zunehmend Mühe, jenseits von Individualinteressen die Bedürfnisse einer Gruppe wahrzunehmen. Je mehr Akteure dann in einem Ereignisraum agieren, desto höher steigt die Wahrscheinlichkeit von Kollisionen. Allen holistischen Suggestionen zum Trotz, existieren wir nämlich für gewöhnlich aneinander vorbei. Aus simultanem Dasein entsteht noch kein System, sondern zunächst nur ein Feld von Koexistenzen mit chaotischen Merkmalen.


Warum sind uns unsere Haare wichtig? (10.09.2021)




Unsere Haare erscheinen wie kleine Antennen, die ein Frisur-Signal an unsere Mitmenschen aussenden. Im Gegensatz zum Fell anderer Säugetiere bleibt uns quasi nur die Kopfbehaarung, um Eindruck zu machen. Eine gepflegte Frisur möchte Gesundheit und einen gewissen Wohlstand zeigen. Wenn junge Frauen ihr Haar hochstecken, wirkt dies unternehmungslustig. Aber auch alte Männer beleben noch mit einer Bürste ihren Haarkranz um die stets mit Glanzlichtern versehene Glatze.


Warum glauben wir an die große Liebe? (14.09.2021)




Die ganz große Liebe ist für viele Menschen nur ein Gegenstand der Einbildungskraft, nicht der Erfahrung. Das macht aber nichts, denn auch eine mittelgroße oder kleine Liebe hält Glück bereit. Allein schon der Glaube an die perfekte Ergänzung für uns macht offenherziger. Es existiert ein urmenschliches Bedürfnis nach Auflösung unserer persönlichen Grenzen und nach seelischer Hingabe. Hat die Liebe einen Knochen geworfen, empfinden wir mit Herzklopfen etwas von dem machtvollen Versprechen des Lebens.


Warum sind wir an der Supermarktkasse ungeduldig? (15.09.2021)




Als moderne Menschen sind wir es gewohnt, Zeit effektiv zu nutzen. An der Supermarktkasse fühlen wir uns jedoch untätig allen Stockungen ausgeliefert. Gleichzeitig sind wir der Auffassung, es lohne sich jetzt nicht, das Handy heraus zu holen. In diesem Gedanken herrscht aber zu wenig Folgerichtigkeit. Wenn uns treibende Ungeduld erfüllt, können wir durchaus zum Smartphone oder sogar zum mitgeführten Buch greifen, damit uns der Faden nicht reißt.


Warum fasziniert uns Eleganz? (16.09.2021)




Die Schönheit von Menschen wird nicht allein durch deren körperliche Beschaffenheit und geschmackvolle Kleidung bestimmt, sondern zugleich auch durch Geschmeidigkeit in den Bewegungen, durch Anmut und Gewandtheit und durch ungezwungene Leichtigkeit. Wir nennen all dies dann Eleganz und sehen sie gern, da sie den Eindruck des Wohlgefälligen macht und Ausdruck formvollendeter Kultiviertheit ist. Allerdings darf natürlich nicht dergestalt übertrieben werden, dass jemand blasiert den Fuß aufsetzt wie bei einem Menuett.


Warum haben wir Furcht vor Wohnungseinbrüchen? (17.09.2021)




Unser Zuhause ist quasi das Kokon unseres Körpers. Deshalb empfinden wir fremdes Eindringen wie eine Verletzung unserer privaten Intimsphäre. Für Einbrecherbanden hingegen erscheint Westeuropa wie das offene Meer, auf dem den Piraten gehört, was ihnen in die Hände fällt. So gesehen sind Einbrecher die Vertreter einer uralten archaischen Ökonomie, in der es ein Primat der Aneignung gegenüber der Produktion gab. Über Jahrhunderte hinweg blieben sie Jäger und Sammler, die sich der feudalen Versklavung ebenso entzogen haben wie der Domestikation durch den kapitalistischen Arbeitsvertrag.


Warum glauben wir immer, Recht zu haben? (20.09.2021)




In der Psychologie sprechen wir vom sogenannten Motivated Reasoning. Dahinter verbirgt sich der Effekt, dass unser Denken unbewusst immer zu demjenigen Ziel gelenkt wird, das emotional für uns wünschenswerter ist. Wir üben uns also ständig im Zurechtsehen unserer Welt und suchen am liebsten nach Bestätigungen unserer Vorannahmen. Am Ende geben wir uns selber in allen Punkten recht.


Warum empfinden wir Glück? (21.09.2021)




Das ganze Leben ist letztlich ein Haschen nach Wind. Haben wir ihn unter unseren Flügeln, sorgen ausgeschüttete Hormone für Auftrieb. Das heißt, Glücksgefühle besitzen die evolutionäre Funktion, unsere Motivation für das Weiterleben zu steigern. Bekanntlich macht aber Glück das an Höhe wett, was ihm an Länge fehlt. Wir benötigen also keinen Zustand, in dem die innere Drogenproduktion so stabil ist, dass wir unter allen Umständen in einer dauerhaft wohligen Verfassung bleiben. Kurze, aber schöne Glücksmomente genügen.


Warum benutzen wir Beauty-Produkte? (22.09.2021)




Die eigene Schönheit lassen wir uns angelegen sein. Auch auf diesem Feld werden wir Menschen zu Stoffwechselmaximierern auf breiter Front. Von Beauty-Produkten versprechen wir uns einerseits ein junges, sorgenfreies Aussehen. Wir möchten andere damit beeindrucken, dass unser Äußeres eine ausdauernde Jugendlichkeit besitzt. Andererseits meinen wir auch uns selbst etwas Gutes zu tun, indem wir uns wohler in unserer Haut fühlen. Selbstfürsorge ist verwandt mit den schönen Seelen, die beim abendlichen Entspannungsbad farbige Teelichter auf den Rand der Badewanne stellen.


Warum lassen wir uns durch Kleinigkeiten provozieren? (23.09.2021)




Wir fühlen uns provoziert, wenn wir etwas als absichtsvollen Angriff gegen unsere Person auffassen. Wir wissen dann nicht, ob wir dies hinnehmen oder uns verteidigen oder einen Gegenangriff starten sollen. In der Hingabe an unsere Gefühle stürzt sich das Ich von der Klippe in die Tiefe, aber es gibt keinen Boden, an dem es zerschellen könnte. In diesen wie anderen Fällen negativer Emotionalität stellt sich die psychologische Denkaufgabe, einen Standpunkt zu finden, von dem aus die zerklüfteten Felsformationen des Lebens wie eine glatte Oberfläche aussehen.


Warum fällt es uns schwer, Diät zu halten? (24.09.2021)




Gerade wir Deutsche stehen insgesamt der Kartoffel nah - handlich, knollig und fest im Fleisch. Sobald wir aber einen allzu geräumigen Schatten werfen, erlegen wir uns selbst Diäten auf. Die Natur hat jedoch das Essen nicht nur zur Energieaufnahme vorgesehen, sondern auch zu Betäubung und Genuss und Selbstverwöhnung. Eine Diät zu halten, verlangt uns also quasi eine widernatürliche Disziplin ab, die nicht jeder aufbringt. Am Ende sind wir - wie eh und je - von etwas dicklicher Beschaffenheit.


Warum möchten wir, dass unser Partner mehr mit uns redet? (28.09.2021)




Oftmals schweigt in Partnerschaften jeder etwas anderes. Wir mühen uns daher, seelisch beieinander anzuklopfen, wie wenn man ein schlafendes Reptil im Terrarium zu einem Lebenszeichen herausfordern wollte. Dahinter steckt unser Wunsch, die in uns aufgeschütteten Wörterhalden abzubauen oder dem Partner gegenüber unser Sorgenpaket aufzuschnüren. Wir wünschen uns Austausch und gemeinsame Reflexionen, da es sich dabei um verbale Fellpflege handelt.


Warum bringt uns schlechter Service auf die Palme? (29.09.2021)




Mitunter nehmen wir wahr, dass manche Dienstleister kaum Vorstellung von den Diensten zu haben scheinen, zu deren Verrichtung sie angestellt wurden. Zuweilen wirken sie sogar, als hätten sie nur täuschend echte Augen auf die eigentlich geschlossenen Augenlider gemalt. Unweigerlich vergleichen wir deren Arbeit dann mit unserer eigenen und kommen zu dem Schluss, dass wir selbst uns eine derartig müßige Berufsausübung nicht erlauben dürften und geraten daher in Wut.


Warum suchen wir Gerechtigkeit? (30.09.2021)




Aus Experimenten wissen wir, dass bereits Kleinkinder und Menschenaffen eine Form der Gerechtigkeit suchen, in der es zu einer fairen Verteilung von begehrten Gütern kommt. Ein gewisses Urbedürfnis zum Ausgleich großer Ungleichheiten scheint also angeboren. Bei genauerer psychologischer Betrachtung empfinden wir eine Lebenssituation dann als genugtuend, wenn die berechtigten Erwartungen aller Akteure befriedigt worden sind. Leider werden jedoch in der alltäglichen Welt der Tatsachen weder die Bösen bestraft noch die Guten belohnt. Der Erfolg fällt im Regelfall den Starken zu.


Warum müssen wir uns zum Sport überwinden? (04.10.2021)




Unser Körper bildet von selbst Fitness in jenen Bereichen aus, die besonders beansprucht werden. Wer nur im Büro arbeitet und trotzdem für einen Waschbrettbauch trainiert, muss sich die Frage stellen, warum ausgerechnet im wenig benötigten Bauchbereich derartig definierte Muskeln entstehen sollen. Da der Aufwand eines großen zeitlichen Investments beim Sport zum entsprechenden Nutzen in keinem linearen Verhältnis steht, überwinden sich viele Menschen nicht, ihre körperliche Zurückhaltung zu durchbrechen. Daran ändert auch nichts, dass überall Sportstätten sind und inzwischen in jedem Park ein Drahtkäfig für Ballspieler steht.


Warum überessen wir uns bei Buffets? (05.10.2021)




Unsere Geschmacksknospen sind für neue Erlebnisse offen. Buffets bieten uns hier die Möglichkeit, verschiedenartige Gerichte zu probieren, ohne von derselben Speise gleich einen ganzen Teller essen zu müssen wie zu Hause. Deshalb verspüren viele Menschen den Antrieb, von einem Buffet alles einmal versucht zu haben und von besonders Schmackhaftem dann nachzuladen. Wenn wir jedoch ganz und gar auf Essen konzentriert sind, verschwindet es rasch aus unserem Teller und hinterher können wir wahrlich als gesättigt gelten.


Warum lesen wir Regenbogenpresse? (06.10.2021)




Neben ihren Tipps zu Kosmetik, Diäten, Gesundheitsthemen und Reisen verspricht die Regenbogenpresse vor allem eine emotionale Berichterstattung über Prominentenschicksale. Diese stützt sich zwar meistens auf improvisierte Mutmaßungen, erlaubt uns aber Zerstreuung und Ablenkung vom Alltag. Als Rezipienten sind wir begierig, bei Prominenten beginnende partnerschaftliche Zerwürfnisse oder gesundheitliche Spannungen auszumachen. Denn sie relativieren unseren Eindruck, das Leben habe die Promis besser behandelt als uns.


Warum kaufen wir Markenprodukte? (07.10.2021)




Wir können eigentlich davon ausgehen, dass jedes in Deutschland verkaufte Produkt eine marktgängige Qualität besitzt. Jedoch möchten wir manchmal durch den Griff zu Markenprodukten eine besondere Verlässlichkeit sicher stellen. Bekannte Marken assoziieren wir mit Bewährtheit und betrachten sie als eine Art Lebensergänzungsmittel, mit denen wir die Teilhabe an gehobenen Qualitäts-Chancen oder erweiterten Genugtuungen erlangen.


Warum wachen wir nach schlechtem Schlaf trotzdem zur üblichen Zeit auf? (08.10.2021)




Nicht immer finden wir sang- und klanglos in ruhigen Schlaf. Wenn wir länger als gewöhnlich wach waren, ist die darauf folgende Schlafdauer jedoch keineswegs verlängert, sondern oft sogar verkürzt. Der Grund liegt darin, dass im Zwischenhirn das kleine Kerngebiet des Nucleus suprachiasmaticus uns jeden Tag mit der äußeren Uhrzeit synchronisiert. Hätten wir nach einer langen Wachphase immer eine lange Schlafphase, würden sich auch die Einschlafenszeiten der kommenden Tage verschieben und unser Takt wäre entgleist. Wir ständen dann nicht mehr im Einklang mit dem 24-Stunden-Rhythmus von Tag und Nacht auf der Erde.


Warum hören wir ungern unseren Partner schnarchen? (11.10.2021)




Es gibt Nächte, in denen unser Schlaf zur Schwerarbeit wird. Während wir selbst in sorgenvollen Gedanken liegen, ertönen neben uns die Schnarchlaute des Partners als befriedete Kundgebungen seiner Anheimgabe ans Vegetative. Wir empfinden dann heimlich Neid und Missgunst, dass sich der Schlaf über unseren Partner gesenkt hat, während wir selbst wachliegen müssen. Wir meinen dann, dass dessen lautes Schnarchen uns nun erst recht am Schlummern hindert und fokussieren uns auf das, was an unser Ohr dringt. Dadurch lehnen wir selbst uns gegen den Schlaf auf und klammern uns unbewusst an das Wachsein.


Warum sind wir mäkelig beim Essen? (12.10.2021)




In zehntausenden Jahren haben Menschen gelernt, dass wir bei Nahrung aus der Natur nicht zu experimentierfreudig sein sollten und vor allem die Energiemenge zählt. Zu keiner Zeit bestand ernsthaft Gefahr, beispielsweise an einem Mangel an Kalium zu sterben, wie es in Gemüse vorkommt. Hingegen verheißt süßer Geschmack die lebensnotwendigen Kalorien. Zudem ist Süßes fast nie giftig, im Gegensatz zu Bitterem. Besonders diejenigen Kinder und Erwachsenen, die auch in ihrem sonstigen Leben eher zur Vorsicht neigen, sind beim Essen wählerisch. So stirbt unter ihren Augen der Fisch auf dem Tisch ein zweites Mal.


Warum wollen Menschen Macht besitzen? (13.10.2021)




Bei genauer psychologischer Betrachtung ist Macht ein Maß dafür, wie weit man sich nicht anpassen muss. Das heißt, Machthaber geben den Menschen ihrer Einflusssphäre vor, was getan und gelassen werden soll, aber sie selbst fühlen sich sicher genug, ihr eigenes Leben nicht an diese Vorgaben anpassen zu müssen. Beispielsweise besteht das Wesen der allermeisten Politik in der Forderung, andere sollten sich um andere kümmern. Irgendwer soll für irgendwen baldmöglichst etwas tun. Die Politiker selbst bleiben an den ganz konkreten Handlungen dann aber unbeteiligt.


Warum wollen wir immer das neueste Handy? (14.10.2021)




Obwohl wir meinen, dass uns das Internet und die sozialen Netze jeden Tag Neues zeigen, sind die Inhalte eigentlich fast dieselben wie an bisherigen Tagen. Auch unsere Reihenfolge, in der wir Smartphone-Apps aufrufen, folgt zumeist einer täglichen Routine. Da uns die Handynutzung von der Hand geht als handele es sich um ein Ritual wie Zähneputzen, möchten wir wenigstens das Endgerät aller ein, zwei Jahre wechseln, um uns der Illusion hingeben zu können, alles sei jetzt anders und besser als früher.


Warum hängen wir oft in der Vergangenheit? (15.10.2021)




Wenn wir älter werden, hinterlässt der einzelne Tag nur noch selten eine erinnerungstaugliche Kontur. Da die Gegenwart ereignisarm und die Zukunft ungewiss ist, nehmen wir Zuflucht in der Vergangenheit. Wir erinnern uns dann an prägende Kindheitserlebnisse und an Menschen, mit denen wir damals die gleiche Schule vermieden haben. Heute sind aber auch junge Menschen von der Überflutung durch Vergangenheit betroffen. Durch die Allgegenwart von Handyfotos und Postings leben wir nämlich im Modus der Hyperarchivierung, die den Abfluss des Gewesenen verstopft.


Warum fallen uns Entschuldigungen schwer? (18.10.2021)




Jede Entschuldigung bedeutet, dass wir einen eigenen Fehler einräumen. Dies setzt aber die Bereitschaft voraus, in uns überhaupt die Existenz irgendeiner Fehlerhaftigkeit versuchsweise zu akzeptieren. Dies ist nicht automatisch gegeben bei denjenigen, die ihre Lebenswelt als ein stabiles System von unergänzbaren Vorzügen beschreiben. Rufen wir jedoch um Verzeihung an, führt dies erstaunlicherweise häufig nicht zu einer Herabsetzung unserer Person, sondern zu einer Heraufsetzung.


Warum mögen wir Adelsserien? (19.10.2021)




Adelsserien zeigen uns eine Welt jenseits unseres Alltages. Einerseits fasziniert das uns vor Augen gebrachte mondäne Umfeld, andererseits nehmen wir mit Genugtuung gern zur Kenntnis, dass auch der Adel keineswegs frei von Problemen ist. In den Serien scheinen die betreffenden Familien immer zu Fehden entschlossen. Während wir bequem unsere Fernsehsessel füllen, beobachten wir die intriganten Ränkespiele der anderen. Der Himmel des Adels täuscht eine Bläue vor, der wir misstrauen wollen.


Warum lieben viele den Herbst? (20.10.2021)




Wenn die herbstliche Natur ihr hinfälliges Angebot macht, trübt sich bei vielen Menschen die Stimmung wegen der kälter und dunkler werdenden Tage ein. Nicht nur der nasse Strauch steht dann kundig des Herbstes. Jedoch können auch viele Menschen das schöne Farbenspiel der Blätter, das Kastaniensammeln und Drachensteigenlassen mit den Kindern genießen. Wir sind nicht mehr gezwungen, draußen aktiv auf dem Laufenden zu sein, sondern dürfen es uns zu Hause ohne schlechtes Gewissen gemütlich machen. Auch unser inneres Wetter kann dann mitunter zu mild herbstlicher Sonnigkeit zurückfinden.


Warum kochen wir gern? (21.10.2021)




Heute können viele Menschen ganz hervorragend kochen, wenngleich das Essen dann nicht unbedingt schmeckt. Wir sind nämlich gern in der Küche rührig, da es ein Ort ist, in dem wir Kontrolle ausüben können. Es liegt in unserer Hand, ob wir in Töpfen und Pfannen unsere Rezepte zum Leben erwecken. Es gibt passionierte Köche, die Gefühle in Gerichte zu wandeln verstehen. Andere hingegen fühlen sich eher qualifiziert, in der Küche letzte Anweisungen zu geben und das Tischdecken zu überwachen.


Warum häufen wir immer mehr Dinge an? (22.10.2021)




Die Ordnung ist bei vielen Menschen ein Chaos, in dem aber viel Arbeit steckt. Besonders in Kellern und Garagen liegen überall Teile und Teile von Teilen, nichts Ganzes. Wir scheuen Entrümpelungen, da sich unsere Vorräte ja noch als nützlich herausstellen könnten und wir einmal Geld dafür bezahlt haben. Wir leben quasi auf der Endmoräne unseres Daseins und schütten wallartig Material unseres Lebens auf. Hier wäre es hilfreich, die Lage einmal von einem Außenstehenden einschätzen zu lassen. Denn wenn man einen Sumpf trocken legen möchte, darf man nicht die Frösche fragen.


Warum sind wir nachtragend? (25.10.2021)




Wir sind nachtragend, wenn wir uns schlecht behandelt fühlen und gleichzeitig der Verursacher noch keine Reue gezeigt hat. Wir können den Groll dann über Jahre hegen. Tragen wir ein gegen uns versprühtes Gift lange nach, führt dies bei uns selbst oft zu einen Innenweltvergiftung. Besser wäre es, wenn die Verletzungen in uns keine Spur hinterlassen. Deshalb sagt man in Weisheitslehren, der wahre Krieger sitze reglos am Fluss und schaue aufs Wasser, bis die Leiche seines Feindes vorbeischwimmt.


Warum feiern wir Feste? (26.10.2021)




Seit jeher werden menschliche Gemeinschaften über Fest- und Rauschzusammenhänge gestiftet. Was uns an Festen fasziniert, ist, dass sie den hergebrachten Verlauf nehmen und deshalb als eine Beständigkeit in unserem Leben wahrgenommen werden können. Nüchtern betrachtet, geben Feste uns den Vorwand für gründliches Essen und Trinken und fungieren deshalb vor allem als Proteinverteilungsrituale.


Warum lieben wir Krimis? (27.10.2021)




Seit der Epoche der Romantik existiert eine beliebte Folklore der Rebellion und Gesetzlosigkeit. Im 19. Jahrhundert etablierte sich dann die Kriminalliteratur und auch heute sind Krimis als Bücher, Filme und Serien populär. Überall werden Verbrechen durch Gedankenarbeit und logisches Schließen aufgeklärt, was die menschliche Freude am Lösen von Rätseln bedient. Zudem faszinieren uns angstbesetzte Situationen, solange wir davon persönlich nicht betroffen sind. Und uns interessiert, wie Täter zum Bösen finden und Ermittler mitunter in eigene Gewissensnöte stürzen. Krimis bieten auch Milieubeschreibungen und befriedigen am Ende durch Ordnung und glatte Lösungen.


Warum schenken wir uns Blumensträuße? (28.10.2021)




Unsere Sonne lockt bekanntlich allerlei Blumen aus den Keimen. In den antiken Kulturen der Ägypter, Griechen und Römer wurden sie zunächst als Opfer- und Grabbeigaben verwendet. Im nördlichen Europa entwickelte sich bei den Germanen der Brauch, dass junge Frauen bei Festen sich mit Kränzen aus frischen Blüten schmückten. Im Barock kamen Blumensträuße als vergängliche Geschenke in Mode, da sie dem damaligen Zeitgeist entsprachen, der das Vergängliche und Jenseitige pries. Und in der Mitte des 19. Jahrhunderts gehörten Blumensträuße sogar zur Wohnungseinrichtung des reichen Bürgertums. Heute überreichen wir uns Sträuße, um uns Aufmerksamkeit zu erweisen, denn Blumen sind das Lächeln der Erde.


Warum hören wir gern Musik? (29.10.2021)




Musik besitzt das Privileg, zu nichts gut sein zu müssen. Man darf sogar die Werke Mozarts und Beethovens nach Belieben parodieren, ohne dass jemand vorbringt, seine musikalischen Gefühle seien verletzt worden. Neben dieser ungewohnten Toleranz verbindet uns Musik innerlich mit anderen Menschen. Denn hören wir zum Beispiel Chart-Hits, dann verleiht uns der Gedanke Auftrieb, dass auf unserem Planeten gerade hundertausende Menschen diese Musik ebenfalls schätzen. In diesem Feld gibt weltweit noch immer das Radio den Ton an.


Warum lachen wir gern? (01.11.2021)




Bei manchen Menschen fragt man sich ja besorgt, wohin ihr Humor sich verflüchtigt hat. Dabei ist Lachen eine grundlegende Kommunikationsform des Menschen, die als Reaktion auf erheiternde Situationen auftritt. Darüber hinaus dient Lachen auch der Entlastung nach überwundenen Gefahren und besitzt zudem die Funktion, drohende soziale Konflikte abzuwenden. Es ist immer schön, Menschen sich einer gelösten Heiterkeit überlassen zu sehen. Wo Humor nicht verstanden wird, befindet man sich in schlechter Gesellschaft.


Warum benutzen wir Fitness-Apps? (02.11.2021)




Fitness-Applikationen und Gadgets erleben Hochkonjunktur. Dem Fortschritt unseres Fitnessprogramms schnallen wir gern eine Schrittzähler-App ans Bein. Der Grund liegt darin, dass es das menschliche Bedürfnis gibt, sich mit Sport selbst zu beeindrucken. Wenn schon andere kaum Notiz von unserem mühsam gestählten Körper nehmen, dann möchten wir es uns wenigstens selbst vor Augen halten können. Stolz stellen wir den elektronischen Pokal auf unser inneres Trophäen-Regal, dass wir eine sportliche Disziplin üben.


Warum haben wir Selbstzweifel? (03.11.2021)




Die meisten Menschen sind besser, als sie selbst von sich denken. Dennoch zögern wir oft in zweifelnder Selbstprüfung. Der Grund liegt darin, dass wir meinen, andere hätten gewissermaßen einen Erfahrungsvorsprung. Da das Leben aber aus improvisierten Reaktionen auf Reize besteht, können uns andere eigentlich nicht wirklich voraus sein, erst recht nicht in unseren ganz persönlichen Angelegenheiten. Wir sollten also davon ausgehen, dass auch unsere Mitmenschen die Mangrovensümpfe der Selbstzweifel durchqueren.


Warum gehen wir gern auswärts essen? (04.11.2021)




Essengehen besitzt natürlich den Vorzug, dass wir uns nicht um Einkauf, Zubereitung und Abtischung kümmern müssen. Darüber hinaus können wir aufwändigere Gerichte bestellen und uns zu neuen Erlebnissen verführen lassen. Hat ein Restaurant der lokalen Kochkunst den Rücken gekehrt und den Ruf einer besonders erlesenen Küche, ist es sogar legitim, unterwegs vor dem Besuch einen Hamburger zu verschlingen, um nicht möglichen Hunger mit kulinarischer Aufmerksamkeit interferieren zu lassen.


Warum beruhigt uns Vogelgezwitscher? (05.11.2021)




In manchen Landstrichen sind Vogelstimmen so reich gemischt, dass selbst die Amsel Mühe hat, für ihre Strophen Gehör zu finden. In anderen Regionen muss man sich glücklich schätzen, wenn zwei Vögel um die Beeren streiten oder auch nur ein Vogel einige Töne trifft. Dennoch wirkt Vogelgesang auf uns beruhigend, da er positive Assoziationen von grünen Landschaften und Naturerlebnissen aus unserer Kindheit herauf beschwört. Außerdem schätzen wir Vögel als schöne Meister der Lüfte, die uns im Winter erlauben, mit Vogelfutter mildtätig zu werden.


Warum schauen wir unsere Lieblingsfilme und -serien mehrfach? (08.11.2021)




Wie jedes Kunstwerk, besitzen Filme und Serien neben ihrem Inhalt immer auch die Komponente der Form. Es interessiert uns also nicht nur das Was der Erzählung, sondern das Wie. In der Kunst entscheidet die Reinheit der Linie. Wenn wir die inhaltlichen Erzählstränge bereits kennen, können wir uns durch wiederholtes Anschauen besser auf Feinheiten des Schauspiels konzentrieren, sowie auf Kostüme und Kulissen, Spezialeffekte, Filmmusik, Kameraführung und Schnitt. Wir Menschen lieben Wiederholungen, wie man bereits Kindern ablesen kann.


Warum sehen wir immer das Schlechte in der Gesellschaft? (09.11.2021)




Manche benötigen den Kulturpessimismus quasi als Sterbehilfe. Sie meinen den Eindruck empfangen zu haben, dass die neue Zeit mit großer Abrissbirne gegen die harmonische Vergangenheit vorgeht. Da die Berichterstattung über Verwerfungen und Misshelligkeiten zwischen Menschen den Ton angibt, glauben wir, dass das Gute im Schwinden begriffen sei. Tatsächlich ist dies aber nur ein Wahrnehmungsfilter, denn in Wirklichkeit kommen die allermeisten Menschen wie eh und je kooperativ und freundlich miteinander in Berührung.


Warum schreiben immer mehr Menschen Bücher? (10.11.2021)




Nach offizieller Statistik des Buchhandels werden in Deutschland jährlich etwa 70.000 neue Bücher veröffentlicht, das sind ca. 200 pro Tag. Diese hohe Zahl weist darauf hin, dass immer mehr Menschen sich berufen fühlen, ihrer Mitwelt die eigenen Gedanken als Druckwerk mitzuteilen. Offenbar gibt es ein geradezu weihnachtlich strahlendes Prestige von Büchern, sodass auch banalste Erlebnisse zu Buche schlagen. Nicht immer wird dem Leser dadurch ein neues Auge eingesetzt. Außerhalb der Belletristik schreiben auch viele Autoren von sachlichen Einführungswerken für die Mit-Unwissenden, die vor dem Substanziellen stehen wie Passanten vor den Vitrinen von Tiffany.


Warum duzen wir uns? (11.11.2021)




Auf den ersten Blick wirkt es wie eine Geste freundschaftlicher Vertrautheit, wenn wir nichtverwandten Menschen das Du anbieten. Wir schlagen dadurch gewissermaßen den Zirkel um sie und zählen sie fortan zu unserem engeren persönlichen Kreis. Dennoch ist psychologisch bemerkenswert, dass wir standardmäßig diejenigen duzen, die wir ein wenig klein halten wollen: in erster Linie sind dies Kinder und alle Tiere, aber wir duzen auch digitale Sprachassistenten und nennen Könige und Päpste bei ihren Vornamen. Unter diesem Blickwinkel ist besonders aufschlussreich, dass wir Gott immer duzen.


Warum lieben wir Konzerte und Musikfestivals? (12.11.2021)




Vor allem junge Menschen drängen sich gern in einer unbestimmten Erlebnisbereitschaft zusammen. Auf Musikkonzerten und Festivals können sie sich euphorischen Gefühlen hingeben, als sei nicht mehr die Schwerkraft bestimmend, sondern die Levitation, also die innere Abhebung. Man konzipiert sich dann quasi nicht mehr als schwere Körper, sondern als ekstatisches Gas. Im Zusammenspiel mit den vielen anderen Fans entsteht so eine Sturzwelle musikalischen Erlebens, die die Rezeptivität überschwemmt.


Warum pflegen wir Traditionen? (15.11.2021)




In der heutigen Zeit verlieren wir mit hoher Geschwindigkeit das Patrimonium an geprägten Gewohnheiten und kulturellen Konstrukten, die uns bisher ausgemacht haben. Immer mehr Menschen fühlen sich freistehend von den hemmenden Fesseln der Tradition. Bei genauer psychologischer Betrachtung sind die meisten Traditionen nämlich Lösungen für längst vergessene Probleme. Dennoch gibt es uns seelischen Halt und stärkt Gemeinschaftsgefühle, an ihnen festzuhalten. Wir interpretieren die Pflege von Traditionen dann innerlich nicht als Aufbewahrung der Asche, sondern als Weitergabe des Feuers.


Warum zerdrücken wir gern Luftpolsterfolie? (18.11.2021)




Alle unsere Fingerkuppen besitzen hunderte Berührungs- und Druckrezeptoren. Sie sorgen dafür, dass unser Tastgefühl hier hochsensibel ist. Beim Zerdrücken von Luftpolsterfolie kommt für den Gegendruck meistens sogar ein zweiter Finger ins Spiel. Das Platzenlassen von Bläschen schenkt uns dann ein kleines Machtgefühl. Die Mischung aus diesem taktil spürbaren Ereignis und dem angenehmen Plopp-Geräusch führt zu autogener Entspannung. Gehen wir systematisch Zeile für Zeile durch, wird auch unser Ordnungsbedürfnis noch befriedigt.


Warum fotografieren wir unser Essen? (19.11.2021)




In früheren Zeiten waren gemeinsame Mahlzeiten in Großfamilie und dörflicher Gemeinschaft keine Seltenheit. Die Menschen aßen damals ihr Fleisch mit sichernden Blicken nach links und rechts. Heute führen wir auch virtuelle Tischgemeinschaften. Wir laden durch soziale Netze gewissermaßen zahlreiche Gäste an unsere Tafel, ohne sie tatsächlich sättigen zu müssen oder uns darum sorgen zu brauchen, dass wir von den besten Stücken nichts abbekommen. Erstaunlicherweise erhalten wir für das im Internet aufgetischte Essen nahezu die gleichen Komplimente in Form von Likes und Kommentaren wie damals am analogen Tisch, nämlich: "Mmh, lecker!"


Warum werden wir mürrisch? (23.11.2021)




Große Teile unseres Lebens bestehen daraus, dass wir etwas zwar wollen, aber dennoch nicht vollbringen sowie dass wir etwas vollbringen, was wir eigentlich gar nicht wollen. Wir werden mürrisch, wenn wir innere Wünsche hegen, jedoch selbst nicht ausreichend dafür tun, sie uns zu erfüllen und stattdessen Dinge tun, die uns nicht gefallen. Deshalb kann es passieren, dass der Anteil der Säuren und Bitterstoffe in unserem Leben zunimmt. Soll er auf ein geringeres Niveau zurückgehen, müssen wir die Süße suchen und das Leben wie ein Stück Zucker auf unserer Zunge wirken lassen.


Warum packen wir einfache Dinge manchmal nicht an? (24.11.2021)




Unsere Blockade gegen das Erledigen einfacher Aufgaben hat ihre Ursache in dem Zuviel von Alternativen. Mehr Wahlmöglichkeiten führen nämlich regelmäßig zu weniger Handeln. Die Motivation kommt jedoch oft erst nach dem Start, nicht vorher. Disziplin bedeutet also sich zu entscheiden zwischen dem, was man jetzt gerade möchte und dem, was man eigentlich noch mehr möchte. Wir sollten uns deshalb die Faustregel geben, alles, was weniger als 5 Minuten dauert, nicht zu verschieben, sondern sofort zu tun.


Warum bewundern wir Schauspieler? (26.11.2021)




Viele Menschen sind bereits damit überfordert, die eigenen Rollen in ihrem Leben ohne substanzielle Abstriche zu verkörpern. Umso größer ist dann unsere Bewunderung für Menschen, denen es gelingt, auch noch in wechselnd fremden Rollen als Schauspieler Figur zu machen. Ein Schauspieler ist übrigens sogar im Privatleben jemand, der einen Blick für Szenen hat. Ich verrate hier noch ein Geheimnis: Die Kunst des großen und mit Preisen überschütteten Schauspielers besteht darin, seine Rollen einfach nur ein bisschen weniger zu spielen als es ein Laiendarsteller machen würde.

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